"Wohlstandsverwahrlosung führt zu Fantasieverwahrlosung"

Interview21. Februar 2014, 15:38
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Peter Scheibenreif alias "Schneck" macht seit Jahren Theater für Kinder: Über ein "hemmungloses" Publikum, worüber Kinder am meisten lachen und warum dauernd Chipssackerl rascheln

derStandard.at: Wie lautet eigentlich Ihre Berufsbezeichnung?

Scheibenreif: Gute Frage! Ich habe in den vergangenen 22 Jahren als Schneck keinen passenden Terminus gefunden, der meine Tätigkeit mit einem Wort beschreiben kann. Die Frage nach meinem Beruf beantworte ich meistens mit: Ich mache mobiles Kindertheater mit Musik - und dem Nachsatz: nicht nur für Kinder.

derStandard.at: Wie reagieren dann die Menschen darauf?

Scheibenreif: Manchmal mit der Frage: "Aber was machen Sie beruflich? Ich meine, was arbeiten Sie?" Besonders Hartnäckige fassen diese Information für sich zusammen: "Ah, so ... ein Kasperl!" Ja, eh! Ein Kasperl – nur ganz anders. Dazu möchte ich anmerken, dass der Kasperl durchaus seine Berechtigung hat und nur ich ein leicht irritiertes Verhältnis zum Theater-Lustigen meiner Kindheit habe. Das ist eine längere Geschichte, zeigt aber, wie sehr Theater prägen kann. 

derStandard.at: Warum gerade Kindertheater?

Scheibenreif: Weil Kultur für Kinder wichtig ist. Und wenn einem das Vertrauen geschenkt wird, Kindern den Zugang zu Theater schmackhaft zu machen, dann ist das schon etwas sehr Besonderes. Theater soll als ein positives Erlebnis wahrgenommen werden und den Weg zum erwachsenen Theaterbesucher ebnen.

derStandard.at: Haben Sie sich das selbst alles beigebracht?

Scheibenreif: Okay, jetzt kommt's raus: Ich bin kein ausgebildeter, sondern nur ein eingebildeter Schauspieler. Ich habe nie eine Schauspielschule von innen gesehen, sehr wohl aber diverse Kurse von Pantomime über Stepptanz bis Sportakrobatik absolviert. Während meiner Gesangsausbildung wurde auch klar, dass die Operettenbühne nicht meine Berufung ist. Akkordeon, Klavier und Trompete durfte ich in diversen Musikschulen erlernen. Den Umgang mit der Gitarre habe ich mir im Selbststudium beigebracht. Aktuell lerne ich als Schüler einer Musikschule E-Bass.

derStandard.at: Aber wie sind Sie zum Schauspiel gekommen?

Scheibenreif: Mir war schon als Volksschüler klar, dass ich irgendetwas mit Theater und Musik machen möchte. Nur die Möglichkeiten, wie dieses Vorhaben umgesetzt werden könnte, galt es noch herauszufinden.

derStandard.at: Was haben Sie vorher gemacht?

Scheibenreif: Studiert. Theaterwissenschaften und Publizistik. Das damals großteils theorielastige Studium konnte meinen Erwartungen nicht standhalten. Von den Professoren kam aber doch immer wieder die Empfehlung, in die Praxis zu schnuppern. Dieser Empfehlung bin ich gerne nachgekommen.

derStandard.at: Haben Sie auch schon für Erwachsene gespielt?

Scheibenreif: Immer wieder. Da waren Klassiker wie "Hamlet", Musicalproduktionen wie "Jesus Christ Superstar", "Godspell" über "Don Quixote in Concert", eine Tanzwochen-Produktion, bis hin zu Kabarett mit dabei. Bis ich den Entschluss gefasst habe, mich mit "Schneck + Co" selbstständig zu machen.

derStandard.at: Was ist bei Kindern anders?

Scheibenreif: Das Feedback. Es ist unmittelbarer, hemmungsloser, ehrlicher.

derStandard.at: Und die Eltern, die zwangsläufig mitkommen, wie sind die?

Scheibenreif: Für mich kommen die Eltern nicht zwangsläufig mit. Schließlich sind sie es, die darüber entscheiden, welchen Theaterbesuch sie gemeinsam erleben möchten. Und da wissen sich die Erwachsenen bei uns gut aufgehoben, weil wir auch dafür sorgen, sie bei Laune zu halten. Schöne Momente zu teilen, gemeinsam lachen zu können – das bindet und lässt das Herz höher hüpfen.

derStandard.at: Sie spielen seit vielen Jahren. Haben sich die Kinder verändert?

Scheibenreif: Ja. Kindern fällt es heute schwerer, sich eine Stunde durchgehend zu konzentrieren, als noch vor 20 Jahren. Und sie sind extrem "hungrig" geworden. Kinder können nicht mehr ruhig sitzen, ohne sich irgendetwas in den Mund zu stecken. Zumindest passiert es in letzter Zeit vermehrt, dass, sobald im Theater das Licht ausgeht, das Rascheln von Chipssackerln nicht zu überhören ist.

derStandard.at: Was finden Kinder lustig, was Erwachsene?

Scheibenreif: Das Schönste für Kinder ist, wenn sie aktiv am Geschehen teilhaben können. Lustig dabei ist die immer entstehende Situationskomik. Das Unerwartete. Slapstick, Verwechslungen, zeigen, dass auch anderswo immer etwas passieren kann. Schön ist auch, dabei an den Gesichtern zu beobachten, wie subtile Komik wirkt – vom Erstaunen übers Erkennen bis hin zum Verstehen. Bei den Begleitpersonen sind die Reaktionen ähnlich – nur etwas schüchterner. Besondere Lacher vonseiten der Erwachsenen gab es in meinem langjährigen Theaterleben auf jeden Fall dann, wenn es einen offen ausgetragenen Texthänger oder eine technische Panne gab ...

derStandard.at: Haben Sie das Gefühl, dass Sie mit dem Theater alle gesellschaftlichen Schichten ansprechen? Oder ist das beim Theater eh gar nicht möglich?

Scheibenreif: Voraussetzung ist, dass Kinder zum Theater finden. Hier sehe ich die Wichtigkeit des Theaters an Schulen, wo ein gesellschaftlicher Querschnitt vertreten ist. Unsere Stücke sind komponentenreich: Sprache, Körpersprache, Bühnenbild, Musik, Gesang, Instrumenteneinsatz bilden ein Paket, in dem jedes Kind fündig werden kann.

derStandard.at: Sie spielen nicht nur, Sie schreiben die Stücke auch selbst. Worauf gilt es zu achten?

Scheibenreif: Wichtig ist, dass gelacht wird. Lachen ermöglicht einen leichteren Umgang mit ernsten Themen. Lachen nimmt Berührungsängste. Was ich nicht mag, ist der erhobene pädagogische Zeigefinger. Ansonsten setze ich mir keine Regeln bei der Entstehungsgeschichte eines Stückes, sondern lasse Entwicklungen zu.

derStandard.at: Gibt es ein Muss in jeder Geschichte?

Scheibenreif: Nein. Aber was in allen Stücken zu finden ist, sind Musik, Lachen und aktive Publikumsteilnahme.

derStandard.at: Was geht gar nicht?

Scheibenreif: Kinder für dumm zu verkaufen!

derStandard.at: Kann man vom Kindertheater leben?

Scheibenreif: Es kommt darauf an, welchen Standard man pflegt. Es ist ein sehr arbeitsintensives Unterfangen. Das Publikum erlebt nur den kleinsten Teil der Arbeit mit, nämlich den bezahlten. Alle anderen Tätigkeiten, angefangen von Büroorganisation, Tourneeplanung, der Herstellung unserer Informationszeitung "schneckenpost" über neue Geschichten erfinden, Hörbücher und Lieder schreiben, CD-Aufnahmen und Cover-Gestaltung bis zur Herstellung und Instandhaltung von Kostümen, Kulissen, Requisiten und dem Be- und Entladen des Tourbusses, werden entweder unterbezahlt oder unentgeltlich verrichtet.

derStandard.at: Wie finden Sie die Situation von Kindern in unserer Gesellschaft?

Scheibenreif: Ich finde, Wohlstandsverwahrlosung führt zu Fantasieverwahrlosung. Die größte Herausforderung dabei ist, den Umgang mit den elektronischen Medien auf ein sinnvolles Maß zu reduzieren.

derStandard.at: Wie hart ist denn die Konkurrenz Fernsehen?

Scheibenreif: Das Problem beim Fernsehen ist die Überdosierung. Ich sehe im Fernsehen keine Konkurrenz. Wenn etwas dazu dient, Langeweile zu vertreiben und Konzentrationsabbau zu fördern, dann ist das völlig konträr zu unseren Zielen. Am Theater gibt es keine 30 Schnitte in der Minute. Bei uns werden Bilder oft nicht durchinszeniert, sondern nur angedeutet. Durch einfache Veränderungen unter Zuhilfenahme von Fantasie werden initiale Funken gezündet. (Peter Mayr, derStandard.at, 21.2.2014)

Peter "Schneck" Scheibenreif, geboren am 12. Dezember 1962 in Innsbruck, ist verheiratet und Vater von vier Kindern. "Zwei eigene, zwei Bonuskinder", wie er sagt. Er betreibt im südlichen Niederösterreich direkt am Waldrand lebend "extensive Viehzucht" mit zwei Kaninchen, zwei Katzen und zwölf Wachteln. Seine nächsten Auftritte, gemeinsam mit Schauspielkollegin Sabine Dorner: am 28.2., 7.3. und 14.3. im Wiener Kabarett Niedermair (Lenaugasse 1a, 1080 Wien) jeweils um 16.30 Uhr und am 8.3. im 82er-Haus in Gablitz um 16 Uhr.

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Schneck

  • Maulwurf Sabine Dorner und Gärtner Peter "Schneck" Scheibenreif: "Schulri Schaufel gibt sein Bestes", heißt die neueste Geschichte. Was bei Kindern als Publikum anders ist? "Das Feedback. Es ist unmittelbarer, hemmungsloser, ehrlicher", sagt Schneck.
    foto: schneck + co

    Maulwurf Sabine Dorner und Gärtner Peter "Schneck" Scheibenreif: "Schulri Schaufel gibt sein Bestes", heißt die neueste Geschichte. Was bei Kindern als Publikum anders ist? "Das Feedback. Es ist unmittelbarer, hemmungsloser, ehrlicher", sagt Schneck.

  • Dorner wieder als Maulwurf, Schneck dieses Mal allerdings als Marienkäfer.
    foto: schneck + co

    Dorner wieder als Maulwurf, Schneck dieses Mal allerdings als Marienkäfer.

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