Kiew: S&P fürchtet Pleite, Banken öffnen wieder

21. Februar 2014, 12:49
69 Postings

Standard & Poor's senkt die Bonitätsnote, Raiffeisen sperrte kurzfristig alle Filialen in Kiew zu

Kiew - Die US-Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) hat die Kreditwürdigkeit der Ukraine erneut herabgestuft. S&P senkte die Note am Freitag um eine Stufe von CCC+ auf CCC, was einem Land kurz vor der Zahlungsunfähigkeit entspricht. Die politische Situation in der Ukraine habe sich erheblich verschlechtert, hieß es in einer Erklärung.

Der Ausblick bleibe negativ, weil es Ungewissheit darüber gebe, ob Russland dem Land im Lauf des Jahres weiter Finanzhilfe zur Verfügung stellen werde. Deshalb habe sich die Fähigkeit der ukrainischen Regierung verschlechtert, ihre Auslandsschulden zu finanzieren. Die Ukraine muss in diesem Jahr Schulden in Höhe von 13 Milliarden Dollar (9,5 Milliarden Euro) zurückzahlen.

Für heimische Banken ist die Entwicklung in der Ukraine unerfreulich. Österreichs Banken und Versicherungen sind dort gut vertreten. Alleine die Aval-Bank, Tochter von Raiffeisen International (RBI), hat in der Ukraine 800 Filialen mit 13.000 Mitarbeitern. Die 80 Filialen in Kiew wurden laut Angaben der Bank aus Sicherheitsgründen vorübergehend geschlossen, aber am Freitag zumindest teilweise wieder geöffnet. Aval Raiffeisen habe alle bis auf fünf Filialen im Stadtzentrum wieder geöffnet, sagte eine Sprecherin. Auch bei der Bank Austria seien bis auf vier Niederlassungen in der Nähe des Unabhängigkeitsplatzes (Maidan) alle Standorte von 10 bis 15 Uhr geöffnet gewesen, sagte ein Sprecher.

Verkaufsüberlegungen auf Eis

Raiffeisen und Bank Austria müssten wohl jetzt ihre Verkaufsüberlegungen für die Ukraine-Banken auf Eis zu legen, hieß es am Freitag in informierten Wiener Branchenkreisen zur APA. Banken in der Ukraine seien derzeit jedenfalls unverkäuflich. Hält die Krise an, sind noch weitere teure Abschreibungen fällig. Die börsennotierte RBI hatte ihre Verkaufsgespräche für die Aval gerade erst begonnen, als erste Unruhen aufflammten. Sie betreut dort rund drei Millionen Kunden. Die Bank wurde bereits einem massiven Sparprogramm unterzogen.

Bei der Unicredit-Tochter Bank Austria ist es kein Geheimnis, dass sie ihre ukrainische Ukrsotsbank bei Gelegenheit liebend gern abstoßen würde, ein Startschuss für Verkaufsgespräche ist bisher aber nicht erfolgt. Er wird auch so bald nicht erwartet. Die Bank wurde im Jahr 2007 für fast zwei Milliarden Dollar (1,5 Milliarden Euro) gekauft. In den vergangenen Jahren musste der Firmenwert teuer abgeschrieben werden. Mit einem blauen Auge davongekommen ist die Erste Group: Sie hat ihre verlustreiche kleine Ukraine-Tochter vor einem Jahr verkauft.

Firmen denken über Rückzug nach

Auch andere Unternehmen reagieren auf die Krisensituation. Manche zunächst mit Zusperren der eigenen Büros, wie zwei Betroffene im Ö1-"Morgenjournal" am Freitag erklärten. Der stellvertretende österreichische Wirtschaftsdelegierte in Kiew, Siegfried Weidlich, berichtete am Donnerstag im APA-Gespräch davon, dass Firmen auch über einen Rückzug aus dem Land nachdenken. Nicht unbedingt wegen der jüngsten Gewalteskalation, sondern wegen des Einbruchs des Wirtschaftswachstums und der Industrieproduktion in der Ukraine sowie der ausländischen Investitionen in den vergangenen Jahren.

Seit der Krise im Jahr 2008 habe sich auch die Frustration über Rechtsunsicherheit im Geschäftsleben bei ausländischen Firmen verstärkt. Für Irritationen und den Anstoß zum Abzug habe vielerorts aber letztlich die Nichtunterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU durch Präsident Wiktor Janukowitsch gesorgt - die Weigerung löste auch die aktuelle Welle der Proteste aus.

Die Ukraine steckt nicht nur in einer politischen, sondern auch in einer wirtschaftlichen Krise. Die Unruhen begannen im November, weil die Regierung das lange ausgehandelte Abkommen zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit der EU auf Eis legte und sich Russland zuwandte. Russland sagte der Ukraine daraufhin einen Notkredit von 15 Milliarden Dollar und billigeres Gas zu. Die Opposition warf Janukowitsch deshalb vor, die Ukraine an Russland zu verkaufen. Nach Zahlung einer ersten Tranche von drei Milliarden Dollar Ende Dezember hat Russland für diese Woche die Zahlung der zweiten angekündigt. (Reuters/red, derStandard.at, 21.2.2014)

Share if you care.