Als noch keiner die Stahlkante kannte - Tauernscharte

21. Februar 2014, 16:57
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Die Tauernscharte ist ein Firnklassiker. Und für viele erst der eigentliche Startpunkt von Skitouren in das Tennengebirge

Im Jahr 1920 war der Skisport noch eine exklusive Angelegenheit. Nur ein paar Waghalsige banden sich zwei Eschenbrettln an die Füße und rauschten talwärts. Einer von ihnen war der 1975 verstorbene Skipionier Rudolf Lettner. Der Halleiner ist im Frühjahr des Jahres 1920 die Tauernscharte im südlichen Tennengebirge abgefahren und stürzte schwer. Dieser kapitalen Brezn verdanken wir die Stahlkante.

Lettner tüftelte so lang - anfangs noch mit Federstahl aus alten Uhrwerken -, bis die geschraubten Stahlkanten 1926 patentreif waren. Die Originalmodelle sind im Werfenwenger Skimuseum zu bestaunen. Wirtschaftlicher Erfolg war dem Erfinder nicht vergönnt, der Zweite Weltkrieg verhinderte eine Serienproduktion.

Wer heute in die Tauernscharte aufsteigt, kann immer noch ein wenig von dem spüren, was Lettner 1920 zur Stahlkante gebracht hat. Obwohl es sich um den technisch leichtesten Zugang auf das weitläufige Karstplateau des Tennengebirges handelt: Die Route ist streckenweise steil, Kanten leisten da gute Dienste. Für den Anstieg sollte man auf jeden Fall Harscheisen mit dabeihaben.

Mobile Vorzeigeperlen

Ausgangspunkt ist das kleine Pongauer Werfenweng. Das an der sonnigen Südseite des Tennengebirges gelegene Bergdorf gehört zur Kooperation "Alpine Pearls", in der sich 29 ökologische Vorzeigegemeinden aus sechs Alpenstaaten zusammengeschlossen haben. Werfenweng ist eine Modellgemeinde der sanften Mobilität und eines autofreien Urlaubes.

Der Anstieg startet vom Liftparkplatz der Werfenwenger Bergbahnen in der Zaglau auf einer Forststraße oder über den Sommerweg von der Wengerau. Auf jeden Fall folgt man den Wegweisern zur nach einem ehemaligen Vorsitzenden des Salzburger Alpenvereins benannten Hütte. Wie es sich bei einer Frühjahrstour gehört, müssen die Skier oft schon ein gutes Stück getragen werden. Hinter der Hackel-Hütte (1526 m) quert die Tour in das Kar und führt vorbei am Jausenstein über zwei Steilstufen in die Tauernscharte.

Für einige ist hier das Ziel erreicht. Für andere hingegen kann der Spaß jetzt erst richtig losgehen. Wer 1150 Höhenmeter locker wegsteckt, wird noch den Eiskogel (2321 m), den Brietkogel (2316 m) oder den gerne als "Schibichl" verballhornten Schubbühel (2334 m) mitnehmen. Alle drei sind lohnende Skiberge; für welchen man sich entscheidet, liegt an den aktuellen Bedingungen.

Übers Tennengebirge

Die Tauernscharte ist aber auch Ausgangspunkt für die klassische Tennengebirgsüberquerung. Die Route führt vorbei am Schubbühel, hinunter (Abfahrt) in die Tiefe Grube und wieder hinauf auf den Scheiblingskogel (2289 m). Abgefahren wird wahlweise über die Röt, die Schwer oder die Wies. Alle drei Abfahrtsvarianten verdanken ihren Namen den sie begrenzenden Felswänden und enden in Oberscheffau, wo ein Auto geparkt sein sollte.

Aber Obacht: Die Überquerung des Gebirgsstocks ist konditionell anspruchsvoll (1650 Höhenmeter, insgesamt sechs bis acht Stunden). Auch die Wetterbedingungen müssen stimmen. Nebel auf dem weiten Plateau führt schnell zu Orientierungsproblemen. (Thomas Neuhold, DER STANDARD, Album, 22.2.2014)

  • Eingezwängt zwischen den Felsbarrieren von Napf und Tauernkogel (re.) bietet die Tauernscharte den technisch einfachsten Skianstieg auf das Plateau des Tennengebirges.
    foto: thomas neuhold

    Eingezwängt zwischen den Felsbarrieren von Napf und Tauernkogel (re.) bietet die Tauernscharte den technisch einfachsten Skianstieg auf das Plateau des Tennengebirges.

  • Rudolf Lettner mit seinen Söhnen. Der ältere ist bereits in seiner Jugend in den Dolomiten bei einem Kletterunfall tödlich verunglückt.
Gut zu sehen sind die geschraubten Gliederkanten, die Lettner zum Patent angemeldet hat. Der obere Ski - ohne Kanten - ließ ihn 1920 bei einer Bergtour auf den Werfenwenger Eiskogel, wo er bei Harschschnee in der Tauernscharte wegen fehlender Kanten zu Sturz kam, auf die Idee kommen, durchgehende Stahlkanten zu verwenden. Durchgesetzt hat sich seine Erfindung 1930 bei den Weltwinterspielen in Davos, wo die Österreicher diversen Rennen gewonnen hatten. Dieser Erfolg trug dazu bei, dass in einer norwegischen Zeitung zu lesen war: "Teufelsentwicklung aus Österreich".(Wolfgang Popp, Skimuseum.at)
    foto: skimuseum.at

    Rudolf Lettner mit seinen Söhnen. Der ältere ist bereits in seiner Jugend in den Dolomiten bei einem Kletterunfall tödlich verunglückt.

    Gut zu sehen sind die geschraubten Gliederkanten, die Lettner zum Patent angemeldet hat. Der obere Ski - ohne Kanten - ließ ihn 1920 bei einer Bergtour auf den Werfenwenger Eiskogel, wo er bei Harschschnee in der Tauernscharte wegen fehlender Kanten zu Sturz kam, auf die Idee kommen, durchgehende Stahlkanten zu verwenden. Durchgesetzt hat sich seine Erfindung 1930 bei den Weltwinterspielen in Davos, wo die Österreicher diversen Rennen gewonnen hatten. Dieser Erfolg trug dazu bei, dass in einer norwegischen Zeitung zu lesen war: "Teufelsentwicklung aus Österreich".
    (Wolfgang Popp, Skimuseum.at)

  • Anreise: Alle zwei Stunden verkehren Shuttlebusse von den Bahnhöfen Bischofshofen oder Pfarrwerfen. www.werfenweng.org
Route: Liftparkplatz Zaglau auf der Forststraße nach Norden zur Heinrich-Hackel-Hütte; alternativ entlang des Sommerweges von der Wengerau zur Hütte. Nach Nordosten in das Kar queren und über Steilstufen in die Scharte zwischen Napf und Tauernkogel. Abfahrt wie Anstieg.
Aufstieg: 1150 Höhenmeter, 3,5 Stunden.
Gefahren: Nur bei stabilen Firnbedingungen ratsam. www.lawine.salzburg.at
Einkehr: Heinrich-Hackel-Hütte
Karte: AV-Karte Nr. 13, "Tennengebirge", 1:25.000.
Literatur: Sepp Brandl, Skitourenführer "Dachstein-Tauern", Rother 2009. Clemens M. Hutter / Thomas Neuhold, "Salzburger Skitourenatlas", Pustet 2011.
Skimuseum: www.skimuseum.at
    grafik: der standard

    Anreise: Alle zwei Stunden verkehren Shuttlebusse von den Bahnhöfen Bischofshofen oder Pfarrwerfen. www.werfenweng.org

    Route: Liftparkplatz Zaglau auf der Forststraße nach Norden zur Heinrich-Hackel-Hütte; alternativ entlang des Sommerweges von der Wengerau zur Hütte. Nach Nordosten in das Kar queren und über Steilstufen in die Scharte zwischen Napf und Tauernkogel. Abfahrt wie Anstieg.

    Aufstieg: 1150 Höhenmeter, 3,5 Stunden.

    Gefahren: Nur bei stabilen Firnbedingungen ratsam. www.lawine.salzburg.at

    Einkehr: Heinrich-Hackel-Hütte

    Karte: AV-Karte Nr. 13, "Tennengebirge", 1:25.000.

    Literatur: Sepp Brandl, Skitourenführer "Dachstein-Tauern", Rother 2009. Clemens M. Hutter / Thomas Neuhold, "Salzburger Skitourenatlas", Pustet 2011.

    Skimuseum: www.skimuseum.at

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