Ukraine steht an der Schwelle zum Bürgerkrieg

20. Februar 2014, 23:40
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Waffenstillstand hielt nicht: Berichte über bis zu hundert Tote in Kiew am Donnerstag

Obwohl Präsident Wiktor Janukowitsch am Vorabend nach Gesprächen mit Oppositionsvertretern einen Waffenstillstand verkündet hatte, brach am Donnerstagmorgen gegen 9:20 Uhr Ortszeit die Gewalt erneut aus. Innerhalb weniger Minuten hatte sich die Lage extrem zugespitzt. Schwerbewaffnete Truppen des Innenministeriums schossen mit scharfer Munition auf die Maidan-Aktivisten. Offenbar gab es Befürchtungen, die Protestierenden wollten die Institutska-Straße besetzen. Wenige Meter vom Ausgangspunkt der Kämpfe liegen die Nationalbank und der Zugang zur Bankowa, in der der Sitz des Präsidenten liegt.

Nach Angaben radikaler Regierungsgegner wurden bei den Zusammenstößen mindestens 60 Menschen getötet. Die Demonstranten seien gezielt erschossen worden, erklärte Swjatoslaw Chanenko, ein Abgeordneter der nationalistischen Partei Swoboda (Freiheit), in einer später verbreiteten Mitteilung. Ein CNN-Bericht sprach sogar von hundert Toten seit Tagesbeginn.

Die Gewalt überschattete den Besuch der Außenminister Deutschlands, Frankreichs und Polens. Die EU-Politiker waren nach Kiew gereist, um mit Präsident Wiktor Janukowitsch und der politischen Opposition Gespräche zu führen und ein Ende der Gewalt und der politischen Krise herbeizuführen.

Der erst wenige Wochen amtierende Bürgermeister von Kiew, Wolodymyr Makejenko, legte sein Amt nieder und trat aus der Partei der Regionen von Präsident Janukowitsch aus. Er wolle mit diesem Schritt gegen das "Blutbad"  auf den Straßen der Hauptstadt protestieren. "Keine Macht ist das Leben von Menschen wert, kein Oligarch ist gestorben, nicht ein Politiker."  Die Parlamentsabgeordneten forderte er auf, sich als lebende Schutzschilde zwischen die Fronten zu stellen. Makejenkos Schritt wurde als Indiz für wachsende Risse in der Regierungspartei gewertet.

Gegen Mittag beruhigte sich die Lage wieder, blieb aber angespannt. "Das ist die Ruhe vor dem Sturm" , sagt Jaroslawa. Die 20-Jährige stammt aus Lwiw (Lemberg) und übernachtet seit ein paar Tagen im Kiewer Rathaus. Der Amtssitz des Bürgermeisters wurde zwar vergangenen Sonntag von den Protestlern geräumt, ist aber seit Dienstag wieder in der Hand der "Volksfront" .

Besetzte "Zensurbehörde" 

Am Donnerstag wurden etliche Räume im Rathaus mit Liegen und Medikamenten ausgestattet. Viele Ärzte und anderes medizinisches Personal waren dort zu sehen. Das gleiche Bild bot sich im wenige Meter entfernten Sitz des staatlichen Rundfunk- und Fernsehkomitees, im Volksmund "Zensurbehörde"  genannt, und in der Musik-akademie auf dem Maidan. Auch diese Gebäude sind in der Hand der Demonstranten.

Auf dem Maidan, wo am Morgen Dutzende Menschen ihr Leben verloren hatten, machten sich später Aktivisten daran, die teilweise noch rauchenden Trümmer wegzuräumen. Frauen reichten den Helfern Milch, Tee oder Brote. In einem der Zelte hinter der Maidan-Bühne, auf der am Nachmittag fast ohne Unterbrechung Gottesdienste abgehalten wurden, kam es zu bedrückenden Szenen.

Ein Elternpaar nahm die Leiche des Sohnes in Empfang. Die Familie stammt aus der Kiewer Region. Mutter und Vater hatten sich sofort ins Auto gesetzt, als sie von einem Freund angerufen wurden, der ihnen erzählte, was geschehen war. Am Nachmittag standen sie vor dem Leichnam ihres Sohnes Alexander. Die Mutter wurde ohnmächtig. Der junge Mann lag auf einer Sanitätsbahre und war mit einer dunklen Wolldecke zugedeckt. Ein Priester hielt Toten­wache.

Akten werden vernichtet

Nicht nur in Kiew, auch in anderen Landesteilen kam es auch am Donnerstag wieder zu Unruhen. Aus vielen Städten der Westukraine wurde gemeldet, dass die dortigen Sicherheitsbehörden, vor allem der Inlandsgeheimdienst, im großen Stil Unterlagen und Akten vernichten würden. In der Region Tscherkassy (Zentralukraine) haben Anrainer gefilmt, wie die Behörden heimlich Material vernichten. 

Bei einem Anschlag auf eine Polizeikaserne in Lviv wurden am Abend mindestens zwei Mitglieder einer Spezialeinheit getötet. 

Ausländer, die sich derzeit in Kiew aufhalten, wurden aufgefordert, die Innenstadt zu meiden. Wer nicht unbedingt im Land sein müsse, solle ausreisen. Bis Anfang kommender Woche haben 60 Schulen und Kindergärten in Kiew geschlossen. Im Zentrum blieben viele Geschäfte, Restaurants und Behörden geschlossen. (Nina Jeglinski aus Kiew /DER STANDARD, 21.2.2014)

  • Am Rande des Maidan: Aktivisten halten die Stellung, während ein Verletzter in Sicherheit gebracht wird.
    foto: apa/epa/furman

    Am Rande des Maidan: Aktivisten halten die Stellung, während ein Verletzter in Sicherheit gebracht wird.

  • Anhänger der Protestbewegung hielten den Maidan im Zentrum Kiews auch am Donnerstag besetzt.
    foto: reuters/fedosenko

    Anhänger der Protestbewegung hielten den Maidan im Zentrum Kiews auch am Donnerstag besetzt.

  • Präsident Janukowitsch verhandelte am Donnerstag mit den Außenministern Laurent Fabius (Frankreich), Frank-Walter Steinmeier (Deutschland) und Radoslaw Sikorski (Polen).
    foto: apa/epa/mosienko

    Präsident Janukowitsch verhandelte am Donnerstag mit den Außenministern Laurent Fabius (Frankreich), Frank-Walter Steinmeier (Deutschland) und Radoslaw Sikorski (Polen).

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