Amerikaner, Nordmänner und eine traurige Sbornaja

20. Februar 2014, 18:35
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In Russland herrscht Entsetzen, weil das Team den Auftrag, das wichtigste Gold der Heimspiele zu gewinnen, versemmelt hat

"Meine Eltern sind aus Russland, und ich habe viele Freunde im russischen Team. Für uns ist es großartig. Aber ich fühle auch mit ihnen." Das sagt Leo Komarow, der Stürmer mit zwei Staatsbürgerschaften, welcher den Finnen half, die Russen bereits im Viertelfinale mit 3:1 aus dem Heimturnier zu werfen. Komarow arbeitet bei Dynamo Moskau in der Kontinental Hockey League, viele seiner Kollegen hackln aber auch drüben in der nordamerikanischen National Hockey League (NHL). Jori Lehterä, nur Finne und in Nowosibirsk und also in der KHL beschäftigt: "Alle kennen das finnische System. Und deshalb ist es ganz leicht, neue Spieler zu integrieren. Ob sie jetzt aus der NHL, der KHL oder woher auch immer kommen."

Die Finnen treffen im Halbfinale am Freitag auf den Nachbarn Schweden, gegen den sie im Olympiafinale 2006 in Turin den Kürzeren zogen (2:3). Und den Österreichern, zerknirscht nach der schlagzeilenträchtigen Festivität vor dem Ausscheiden gegen Slowenien, muss man lassen, den Finnen die mit Abstand meisten Tore gemacht zu haben, auch wenn die Partie mit 4:8 dann doch deutlich verlorenging.

Das zweite Halbfinalspiel, das Duell zwischen den USA und Kanada, ist die Neuauflage des Olympiafinales 2010 in Vancouver. Damals siegten die Kanadier nach 0:2-Rückstand durch ein Tor von Superstar Sid Crosby in der Verlängerung mit 3:2, und Kanada war aus dem Häuschen.

Verriss

Jetzt ist Russland zutiefst betrübt und Präsident Wladimir Putin - mutmaßlich - erzürnt. "Verbrannt in der finnischen Sauna", schreibt die Tageszeitung Komersant. "Wir brauchen kein Eishockey wie dieses", findet der Sport Express. "Unsere Erwartungen sind das Problem", stellt das vom Nationalen Olympischen Komitee herausgegebene Blatt Sowjetskij Sport fest.

Die Erwartungen vor den Spielen waren maximal, der Auftrag an die Sbornaja lautete: Gewinnt Gold. Im Mittelpunkt aller Vorschauen war NHL-Star Alexander Owetschkin gestanden, 2008 mit den Washington Capitals Stanleycup-Sieger. "Er muss verstehen, dass er ein Nationalheld werden kann. Scheitert er, wird er zur nationalen Schande", hatte Wjatscheslaw Fetisow gesagt, der legendäre, an zwei gewonnenen Heimweltmeisterschaften beteiligte Verteidiger der Sbornaja.

Jetzt hat Owetschkin, dessen Trikot mit der Nummer acht bis Mittwochabend der Bestseller in den russischen Hockeyshops war, den Salat. Das Binkerl, welches der 28-Jährige zu tragen hat, ist nun doppelt so groß. Denn das 3:7 im Viertelfinale von Vancouver gegen Kanada hatte er vorher als "meine bisher schlimmste Niederlage" bezeichnet.

Das System vermissen

Russlands Headcoach Sinetula Biljaletdinow, der bald Headcoach gewesen sein dürfte, schaffte es im gesamten Turnier nicht, den Stars von hüben und drüben ein funktionierendes System zu verpassen. "Ich sehe keine anderen Spieler. Wir hatten die besten in der Mannschaft", sagte er. "Ich will die Arbeit fortsetzen", fügte er an, "aber die Entscheidung liegt nicht bei mir." Im Mai steht jedenfalls die Weltmeisterschaft in Minsk an.

Rasch verbreitet im Land wurde ein Satz von Herrn Alexej, einem Fan der Sbornaja, der sich unter den Entsetzten bei der Abschiedsvorstellung im Bolschoi- Eispalast befunden hatte: "Unser Olympia ist verloren, alles ist verloren, weil unsere Mannschaft eliminiert worden ist." (Bnno Zelsacher, DER STANDARD, 21.02.2014)

  • Am Boden zerstört war Jewgeni Malkin nach dem Viertelfinal-Aus der Russen.
    foto: ap/philip

    Am Boden zerstört war Jewgeni Malkin nach dem Viertelfinal-Aus der Russen.

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