Der Weg in die Schule als Abenteuerspielplatz

20. Februar 2014, 17:55
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Die Wiener Fußgängerbeauftragte Petra Jens will Schülerinnen und Schüler motivieren, mit Genuss zu Fuß zu gehen. Auch wenn es laut ist und stinkt, soll der Schulweg ein "wertvoller Erfahrungsraum" sein

Wien - Autos und Lastwagen dröhnen, die Straßenbahn fährt ein, Fußgänger warten, bis die Ampel grün wird, um über den Zebrastreifen auf die andere Seite der Fahrbahn zu gelangen. An der Kreuzung Dresdner Straße, Ecke Stromstraße im 20. Wiener Gemeindebezirk ist einiges los. Drei Minuten haben die Kinder des Horts Leithastraße Zeit, sich das Geschehen anzuschauen. Was gibt es zu entdecken? Dann sollen sie entscheiden: Daumen hoch oder Daumen runter? Der Großteil der Kinder zeigt mit dem Daumen nach unten. "Es stinkt", sagt ein Bub mit dunklen Haaren. "Es ist laut, man muss richtig schreien", sagt ein Mädchen.

Die Nachmittage verbringen die zwölf Kinder täglich im Hort. Sie werden von der Schule abgeholt, essen zu Mittag, erledigen die Hausaufgaben, spielen oder gehen auf den Spielplatz.

Heute ist ein besonderer Tag. Denn zu Besuch ist Magdalena Pircher von der Mobilitätsagentur. "Ihr seid heute Verkehrsdetektive", sagt sie zu den Kindern. Ob sie auch positive Dinge an der Kreuzung wahrnehmen? "Die Ampel", ruft ein Mädchen. "Und die Menschen halten sich an die Regeln."

Aufregendes Erlebnis?

Den Workshop hat Petra Jens, Fußgängerbeauftragte von Wien, initiiert. Sie wurde 2013 von den Grünen für dieses Amt auserwählt. Auch sie ist an diesem Nachmittag dabei und erklärt den Hintergrund: "Es geht nicht um Verkehrserziehung, dabei kennen sich die Kinder meistens schon sehr gut aus." Die Aktion soll bei Kindern die Lust auf das Zu-Fuß-Gehen wecken. "Sie soll Kinder dazu ermutigen, ihre Bedürfnisse gegenüber dem öffentlichen Raum zu formulieren." Das Konzept schließt demnach Umweltbildung und politische Bildung mit ein. Verkehrsregeln werden den Kindern keine beigebracht. Die Schülerinnen und Schüler sollen dafür gewonnen werden, den zu Fuß zurückgelegten Schulweg als einen "wertvollen und aufregenden Erfahrungsraum" wahrzunehmen.

Immer öfter ist zu beobachten, dass Kinder mit dem Auto in die Schule gebracht werden. Aus dem Jahr 2011 liegen Zahlen vor, sie wurden der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA) erhoben. 50 Prozent der Kinder kommen demnach zu Fuß in die Volksschule, 23 Prozent benützen öffentliche Verkehrsmittel, zehn Prozent werden mit dem Auto gebracht, und die restlichen 17 Prozent kombinieren Fußweg mit Verkehrsmitteln. 53 Prozent wohnen in einer Distanz von 500 Metern von der Volksschule und 25 Prozent in einer Distanz zwischen 500 und 1000 Metern. Für zehn Prozent ist der Schulweg länger als zwei Kilometer.

Cola-Dose im Busch

Um die Zahl der Fußgänger unter den Schülerinnen und Schülern zu erhöhen, wird seit Jänner auch Infomaterial verteilt. Es beinhaltet Unterrichtsvorschläge, mit denen die Lehrerinnen und Lehrer arbeiten können. Stattfinden soll auch ein Wettbewerb. Alle Wiener Volksschulklassen und Hortgruppen können sich beteiligen und ihre Ideen zum Thema einschicken. Zehn Gratisworkshops, wie jener im 20. Bezirk, sind bereits ausgebucht.

Dort geht es gerade weiter zur nächsten Station, zum Spielplatz. Auch da sind die Kinder angehalten, die Umgebung drei Minuten lang zu beobachten. Sie registrieren Vogelgezwitscher, Pflanzen, Stille und eine angenehmere Luft als zuvor an der stark befahrenen Kreuzung. Aber auch eine leere Cola-Dose, die im Gebüsch liegt. Dennoch lautet das Fazit diesmal: thumbs up! (Rosa Winkler-Hermaden, DER STANDARD, 21.2.2014)

  • Daumen runter. Das ist die Antwort der Hortkinder auf die Kreuzung im 20. Bezirk, wo der Verkehr tobt. Die Kinder sollen sensibel gemacht werden und wieder mehr zu Fuß gehen.
    foto: andy urban

    Daumen runter. Das ist die Antwort der Hortkinder auf die Kreuzung im 20. Bezirk, wo der Verkehr tobt. Die Kinder sollen sensibel gemacht werden und wieder mehr zu Fuß gehen.

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