Teurer als jeder Kredit

20. Februar 2014, 16:31
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Das Konto zu überziehen geht schnell. Damit entsteht eine teure Schuld. Bis zu mehr als 18 Prozent kann eine Überziehung kosten

Jeder Besitzer eines Kontos kennt das Leid. Für ein Guthaben auf selbigem gibt es de facto nichts - rutscht das Konto aber ins Minus, schlagen die Überziehungszinsen zu - und das nicht zu knapp. Je nach Bank werden bis zu 13,25 Prozent fällig, und das auch nur, wenn das Minus in einem bestimmten, vorab definierten Rahmen bleibt. Die Höhe dieses Zinssatzes ist variabel und hängt auch davon ab, ob jemand Stammkunde bei der Bank ist bzw. wie viele Produkte er dort sonst noch hat. Für Studenten gelten ebenfalls andere Sätze.

Wer über den vereinbarten Rahmen hinausrutscht, muss oft auch Strafzinsen löhnen, die noch mal bis zu fünf Prozent ausmachen können. In Summe können also mehr als 18 Prozent aufgerechnet werden. Zum Vergleich: Der Ein-Monats-Libor (das ist jener Zinssatz, zu dem sich Banken untereinander Geld ausborgen können) liegt derzeit bei 0,19 Prozent. Das ist aber noch nicht das Ende der Fahnenstange. Bei einigen Banken fällt eine Bearbeitungsgebühr (bis zu zehn Euro) an für nicht getätigte Überweisungen aufgrund mangelnder Kontodeckung.

Ruf nach Senkung

"Angesichts der niedrigen Leitzinsen sind die Überziehungszinsen viel zu hoch. Sie müssen sinken", sagt Gabriele Zgubic von der Arbeiterkammer Wien. Daran gedacht wird in den Banken freilich nicht, wie ein kurzer Rundruf vom Standard ergeben hat.

In Deutschland ist das anders. Dort hat die Direktbank ING-Diba vergangene Woche ein neues Modell für die Überziehungszinsen angekündigt: Der Strafzins fällt weg; wer den vereinbarten Rahmen für die Kontoüberziehung überschreitet, zahlt künftig nicht mehr als den normalen Dispo-Zins. Dieser wird von 8,5 auf 7,95 Prozent gesenkt. Zuvor lag der Überziehungszins bei 12,0 Prozent. Es sei nicht vertretbar, "dass Kollegen noch zweistellige Überziehungszinsen verlangen", sagte ING-Diba-Chef Roland Boekhout.

Kunden, die ihren Disporahmen überziehen, bekämen ein Angebot, auf einen günstigeren Konsumkredit umzuschulden. Die meisten deutschen Banken und Sparkassen verlangen einen Strafzins von mehr als zehn Prozent bei Überschreitung des eingeräumten Rahmens. Nach der Sparda Bank München und der Berliner Volksbank ist die ING-Diba in Deutschland bereits die dritte Bank, die den Strafzins abgeschafft hat.

"Etikettenschwindel"

Für Georg Kraft-Kinz, Stellvertretender Direktor der RLB NÖ-Wien, ist die ING-Diba-Aktion "ein Etikettenschwindel und PR-Gag. Die ING-Diba surft hier auf dem Rücken der Filialbanken und gaukelt Kundennähe vor." Die Direktbank habe keine Standorte und trage nichts zur schnellen und unkomplizierten Bargeldversorgung bei, sagt Kraft-Kinz zum Standard.

Die Kontoüberziehung ermögliche es, Kunden im Bedarfsfall sofort und unbürokratisch eine Finanzierungsmöglichkeit zur Verfügung zu stellen. Diese soll jedoch nur den kurzfristigen Finanzbedarf decken und nicht als längerfristiges Instrument dienen, betonen die heimischen Banken.

Der Schuldnerberatung ist die Möglichkeit zur Überziehung ein Dorn im Auge. "Das ist der teuerste Kredit", sagt Alexander Maly von der Schuldnerberatung Wien. Zudem würde das Instrument wie eine Verführung eingesetzt: Nach ein paar fixen Einzahlungen würden auch Jugendliche von ihrer Bank schon das Angebot erhalten, den Einkaufsrahmen zu erweitern. Für Maly kommt das einer "Erziehung zum Schuldenmachen" gleich. Denn die Überziehung stehe immer wieder am Anfang einer Überschuldung. Können Daueraufträge, etwa die Miete, nicht mehr abgebucht werden, spitzt sich die Lage rasch zu.

Ein generelles Verbot von Überziehungen wäre für Maly das effektivste Modell. Vorstellbar wäre auch ein Erwerbsmodell nach dem Motto: Wer sein Konto gut im Griff hat, erwirbt das Recht zur Überziehung, das schrittweise ausgebaut werden kann. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, 21.2.2014)

Wissen: Sein Konto zu überziehen ist in Österreich eine lang gelebte Praxis und eigentlich schon zur Selbstverständlichkeit geworden. Die Möglichkeiten dazu gibt es seit Jahrzehnten. Das ist nicht in allen europäischen Ländern der Fall. In Deutschland etwa muss für die Überziehung des Kontos ein Dispo-Kredit eingeräumt werden. Ob man diesen bekommt und für welchen Betrag hängt freilich von der Bonität des Kunden ab. In Großbritannien beispielsweise läuft eine kurzfristige Verschuldung ebenfalls nicht über das Konto, sondern über die Kreditkarte, die dafür mit einer Revolving-Funktion ausgestattet wird. In diesem Fall werden mit der Karte Schulden gemacht. Pro Monat wird ein fixer, vorab definierter Betrag abgebucht. Der Rest bleibt als Kredit stehen.

  • Der genaue Blick auf die Konto-Infos lohnt. Vor allem das Überziehen des Kontos kann sich als teurer Spaß erweisen.
    foto: foto: dpa / karl-josef hildenbrand

    Der genaue Blick auf die Konto-Infos lohnt. Vor allem das Überziehen des Kontos kann sich als teurer Spaß erweisen.

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