Utopie, jawoll, ja!

20. Februar 2014, 18:05
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Das slowenische Kunstkollektiv Laibach entdeckt mit "Spectre" die Eindeutigkeit und ruft zur Revolution auf

Das letzte Mal als die Idee von Europa halbwegs funktionierte, war, als der Kontinent von einer Musik regiert wurde, in der beispielsweise ein nicht einmal so gut singender schwedisch-nigerianischer Zahnarzt oder eine dänisch-norwegische Selbsthilfegrupppe für Quietschentenpop eine wesentliche Rolle spielte: Dr. Alban mit It's My Life, Aqua mit Barbie Girl. Das Ganze nannte sich Euro Dance. Der war zwar sehr variationsarm, aber sehr rhythmuslastig wie melodiös eingängig. Es wurden gute und in der Menschheitsgeschichte gut eingeführte Werte wie Liebe, Humanitas, noch mehr Liebe, Spaß und gemeinsames Tanzen beschworen. Die Szene bestand weiters aus heute leider in Vergessenheit geratenen Acts wie Whigfield, Vengaboys, 2 Unlimited, Culture Beat, DJ Bobo oder Fun Factory.

Das ist jetzt ganz interessant O Während also Jugoslawien auseinanderfiel und sich das erste Mal in der langen Geschichte der europäischen Suche nach Einheit und Brüderlichkeit widersinnigerweise ein neuer Nationalismus mit allen schrecklichen Folgen breitmachte, wurden speziell auch die gerade ihre späte "Freiheit" erlebenden Nachbarn auf dem Balkan von einer völkerverbindenden Diskontmusik beschallt, zu der man das Gewehr durchladen konnte, um auf den verhassten Nachbar zu schießen. Zu jener Zeit verlor das slowenische Kunstkollektiv Laibach auch den Rückhalt in der Opposition gegen totalitäre Systeme. Laibach wurden in den 1980er-Jahren als umstrittene und in Ost und West immer wieder aufgrund Faschismusverdacht vielfach angefeindete Künstler in martialischen Uniformen bekannt. Die Freunde des linken Philosophen Slavoj Zizek sorgten durch Adaption von und Überidentifikation mit totalitären Symbolen aus dem faschistischen und stalinistischen Handapparat für gehörige Verwirrung. Sie zogen etwa damals bei einem Wienkonzert auch ein treudeutsches Publikum vor die mit älplerischer Kulisse und ausgestopften Hirschen drapierte Bühne. Auf dem Heimweg mussten sich diese Leute in einer Kampfrede vom Dach herunter allerdings belehren lassen: "Österreicher, ihr seid frei! Wir haben das faschistische Schwein für euch geschlachtet!" Dazu setzte es Reichsparteitagsgetrommel, stumpfe Hardrockriffs und eine Hosen flatternmachende Grundelstimme, die genüsslich Parolen aus dem historischen Fundus in Deutsch und Englisch grunzte. Es war ein Heidenspaß. Und er war klug und gut gemacht.

In den 1990er-Jahren folgte nicht ganz humorfreier Technorock zu den Themen Nato, Wirtschaft, Kapital, Jesus Christ Superstar oder dem fulminanten Nationalhymnen-Crash auf Volk. Die Luft wurde allerdings dünner bis hin zum Soundtrack der Nazi-Komödie Iron Sky oder einer Bearbeitung des altdeutschen Headbanger-Klassikers Die Kunst der Fuge. Mit der Entdeckung Europas als bedrohtem Kontinent und der treuherzigen Begrunzung von Gefahren durch Finanzmärkte, Geheimdienste und dem Auseinanderklaffen der Armutsschere warnen Laibach nun auf Spectre erstmals abseits ihres gewohnten Spiels mit gezinkten Karten und doppeltem Boden vor dem Scheitern Europas als Friedensprojekt. Sie entdecken den Whistleblower als neuen Helden, beschwören die Occupy-Bewegung und rufen zur Revolution am Rande des Abgrunds auf.

Das ist verdienstvoll und verständlich. Mit dieser Eindeutigkeit sind Laibach aber wohl endgültig vorhersehbar geworden. Dazu böllern billige Euro-Dance-Beats wie vor 20 Jahren. Eine Sängerin jodelt in der Großraumdisco. Der Sänger grunzt "Resistance is futile". Irgendwo wird bald ein Gewehr durchgeladen werden. Es ist ein Kinderspielzeug. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 21.2.2014)

Laibach: Spectre (Mute). Ab 28. Februar im Handel

Live: 15.4. Arena Wien

  • Das Kunstkollektiv Laibach.
    foto: mute

    Das Kunstkollektiv Laibach.

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