Parkinson: Hilfe bei fortgeschrittener Erkrankung

20. Februar 2014, 13:57
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Kontinuierliche Gabe eines Arzneimittels über gesetzte Dünndarm-Sonde verbessert motorische Symptome - Schwankungen der Wirkstoffkonzentration ausgeglichen

Die Verabreichung eines Medikaments über eine Sonde im Dünndarm stellt für Parkinson-Patienten im fortgeschrittenen Erkrankungsstadium eine Alternative zur oralen Therapie dar. Dies berichtet eine internationale Gruppe von Neurologen in der Februar-Ausgabe der Zeitschrift The Lancet Neurology.

"Erstmals wird in dieser Arbeit der Nutzen einer kontinuierlichen Levodopa/Carbidopa-Verabreichung mittels einer prospektiv kontrollierten Doppelblindstudie belegt", sagt Martin Südmeyer, Neurologe am Universitätsklinikum Düssedorf. Die Daten deuten darauf hin, dass in der späten Phase der Erkrankung ausgewählte Patienten davon deutlicher profitieren als von einer konventionellen oralen Levodopa-Therapie. Patienten, die lange Zeit unter einer Medikation stehen, entwickeln häufig motorische Fluktuationen und Dyskinesien. Die kontinuierliche Gabe des Wirkstoffs über eine Pumpe in den Dünndarm soll Schwankungen der Wirkstoffkonzentration ausgleichen.

On- und Off-Zeiten

In Deutschland, Neuseeland und den USA wurde 71 Parkinson-Patienten im fortgeschritten Erkrankungsstadium im Rahmen einer perkutanen endoskopischen Jejunostomie eine Ernährungssonde in den Dünndarm eingelegt, um dort die Wirkstoffkombination Levodopa/Carbidopa über eine Pumpe kontinuierlich freizusetzen. Das Wissenschaftlerteam um Warren Olanow von der Mount Sinai School of Medicine in New York versuchte auf diese Weise, potenziell behindernde Nebenwirkungen der oralen Therapie wie motorische Fluktuationen und Dyskinesien zu vermeiden.

Im Zuge einer Randomisierung erfolgte in einer Gruppe eine kontinuierliche intestinale Levodopa/Carbidopa-Gel-Applikation in Kombination mit einem oral verabreichten Placebopräparat. In der Vergleichsgruppe hingegen wurde das Levodopa/Carbidopa in Tablettenform oral sowie ein Placebo-Gel mittels der Sonde den Patienten zugeführt. Als primäres Ziel hatten die Forscher die Veränderung der motorischen Off-Zeit nach einer insgesamt vierwöchigen Titrationsphase mit einer sich anschließenden Nachbeobachtungszeit von acht Wochen definiert. Gleichfalls sollten die Veränderungen der On-Zeit ohne bedeutsame Dyskinesien, die Lebensqualität (PDQ-39) und Aktivitäten des täglichen Lebens (UPDRS-II) der Patienten sowie die Belastungen der Angehörigen (ZBI) ermittelt werden.

Risiken der intestinalen Applikation

Die Auswertung ergab eine eindeutige Verbesserung in der Patientengruppe, in der das intestinale Levodopa/Carbidopa-Gel angewendet worden war: Ihre motorische Off-Zeit verringerte sich um durchschnittlich 4,04 Stunden pro Tag; in der zweiten Gruppe waren es demgegenüber nur 2,14 Stunden pro Tag. Die On-Zeit ohne bedeutsame Dyskinesien nahm unter der Levodopa-Gel-Therapie im Mittel um 4,11 Stunden zu, bei oraler Verabreichung nur 2,24 Stunden. Mit der Verkürzung der Off-Zeit und Reduktion der Dyskinesien verknüpft waren eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität und gesteigerte Aktivitäten im täglichen Leben der Patienten. Eine geringere Belastung der Angehörigen scheint indessen nicht einzutreten.

Bei der operativen Anlage der Sonde kam es bei 12 er insgesamt 71 Patienten zu einem schwerwiegendes Ereignis in Zusammenhang mit dem Eingriff: Das Auftreten einer Peritonitis, einer Psychose und einer Stoma-Fehlfunktion führte in den jeweiligen Fällen zum Studienabbruch. Im Verlauf der ersten beiden Wochen nach Anlage der Sonde klagte ein Großteil der Patienten über Beschwerden, beispielsweise abdominale Schmerzen, Obstipationen oder Erbrechen. Darüber hinaus traten Funktionsstörungen des apparativen Systems auf, wie zum Beispiel eine Sonden-Dislokation beziehungsweise -verstopfung oder eine Pumpenfehlfunktion.

Nutzen-Risiko-Abwägung

"Durch diese Studie konnte der therapeutische Effekt einer kontinuierlichen intestinalen Levodopa-Applikation mittels einer externen Pumpe bei Patienten mit einem fortgeschritten Morbus Parkinson methodisch einwandfrei belegt werden. Es handelt sich dabei jedoch um ein technisch sehr aufwendiges und auch kostenintensives Therapieverfahren, das – vergleichbar mit der Tiefen Hirnstimulation – eine kritische Patientenauswahl und engmaschige Nachsorge erfordert. Darum sollte das Anlegen einer Levodopa-Pumpe in spezialisierten neurologischen Zentren erfolgen, die über eine ausgewiesene Kooperation mit einer gastroenterologischen Klinik verfügen", bilanziert Südmeyer.

Das hier verwendete Präparat ist zur Behandlung bei Parkinson-Patienten mit schweren motorischen Fluktuationen und Dyskinesien in Europa bereits zugelassen, sofern durch eine orale Therapie kein ausreichender Behandlungseffekt mehr erzielt werden kann.

Eine abschließende Bewertung ist aber noch nicht möglich, denn dazu müssten die Beobachtungsdauer verlängert und die Zahl der Probanden deutlich vergrößert werden, gibt Südmeyer zu bedenken. Zudem stehen bislang prospektiv randomisierte Studien aus, welche die therapeutische Wertigkeit der verschiedenartigen invasiven Therapien (Tiefe Hirnstimulation, enterale bzw. subkutane Pumpen-Applikation) beim fortgeschrittenen Morbus Parkinson vergleichend bewerten.

Quellen:

Olanow CW et al. Continuous intrajejunal infusion of levodopa-carbidopa intestinal gel for patients with advanced Parkinson's disease: a randomised, controlled, double-blind, double-dummy study. Lancet Neurol. 2014 Feb;13(2):141-9.

Rascol O. Jejunal levodopa infusion in Parkinson's disease. Lancet Neurol.2014 Feb;13(2):128-9.

 

  • Die unwillkürlichen Bewegungen (Dyskinesien) können alle Muskelgruppen des Körpers betreffen.

    Die unwillkürlichen Bewegungen (Dyskinesien) können alle Muskelgruppen des Körpers betreffen.

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