Home Office: Nein, Danke!

20. Februar 2014, 13:03
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Mitarbeiter brauchen das Unternehmen als Bezugspunkt. Und der entsteht ausschließlich durch Nähe, Interaktion und Zusammenhalt. Genau das, was Home Office nicht kann

Eigentlich ist die Idee faszinierend: Mitarbeiter mit Home Office haben ihren Schreibtisch als primären Arbeitsplatz zu Hause. Dort können sie in Ruhe arbeiten und sich ihre Aufgaben genüsslich einteilen, wodurch genug Zeit für die Kinder, den Partner und die Katze oder den Hund bleibt. Auch Grünpflanzen und Fitness-Geräte freuen sich über die verstärke Zuwendung. Zudem ist im Home Office Stress vermeidbar und Burnout undenkbar.

Auch für Unternehmen scheint Home Office lukrativ: Man spart Bürofläche, Mitarbeiter werden nicht durch Plaudern abgelenkt und können gerade Routinetätigkeiten gut abwickeln. Alles das lässt sich auch automatisiert gut kontrollieren. Gleichzeitig weichen Arbeitszeitgrenzen auf: Wenn man Schreibtisch und Telefon zu Hause hat, spricht nichts gegen die Zusatzarbeit vor dem Krimi am Sonntag oder nach dem Einkauf. Home Office ist also kein unternehmerisches Gutmenschentum. Home Office rechnet sich für Unternehmen, selbst wenn sie Mitarbeiter gelegentlich zu Besuch ins Büro holen, wo sie im „Hotelling“ über  „Desk-Sharing“ temporäre Arbeitsplätze finden.

Zweifel an der Genialität der Idee

Doch spätestens seit sich Marissa Mayer, Vorstandsvorsitzende von  Yahoo im letzten Jahr dafür entschieden hat, Heimarbeitsplätze abzuschaffen und Mitarbeiter wieder zurück ins Büro zu holen, kommen Unternehmen Zweifel an der Genialität dieser Idee auf. Denn bei arbeitsteiligen Prozessen braucht man Querabstimmung, bei Teamarbeit unmittelbare Kommunikation und bei Kundenkontakt das Gefühl der Identifikation mit „seinem“ Unternehmen. Letztlich brauchen fast alle Mitarbeiter das Unternehmen als Bezugspunkt und der entsteht ausschließlich durch Nähe, durch Interaktion und Zusammenhalt. Nur so kommt es zur Bindung und zur Entfaltung von kreativem Potenzial.

Auch bei den Mitarbeitern landet das Home Office zunehmend auf der No-Go-Liste: Sie lehnen immer mehr die Vermischung von Privatleben und Beruf ab, wollen also auch keine beruflichen E-Mails nach Arbeitsschluss lesen. Zudem empfinden sie es als störend, jedes Mal beim Blick auf den heimischen Büro-Schreibtisch oder auf die Tür zum Arbeitszimmer an die Arbeit erinnert zu werden. Und auf den Gedanken, man könne irgendwie „nebenbei“ zusätzlich noch Kinder und Haushalt versorgen, kommt allenfalls ein weltfremder Politiker oder Funktionär.

Nicht mehr als drei bis vier Tage im Monat

Allerdings wollen Mitarbeiter Home Office durchaus als gelegentliche Ausnahme, um bei schönem Wetter im grünen Garten statt im kargen Büro am Notebook zu sitzen: Also drei bis vier Home-Office-Tage pro Monat ja, mehr aber definitiv nicht.

Auch wenn noch immer viele Protagonisten im Marsch der Lemminge vehement Home Office fordern, sollte man diesen Marsch der Lemminge in die falsche Richtung stoppen, denn diese Konstruktion hat in der Arbeitswelt der Zukunft nur in Ausnahmefällen ihren Platz. Deshalb sollten im Hinblick auf eine zukunftsfähige Arbeitswelt Neu-Installationen von Home Office gestoppt und bereits realisierte Verlagerungen rückgängig gemacht werden. (Christian Scholz, derStandard.at, 20.02.2014)

Christian Scholz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gründungsdirektor des MBA-Programms an der Universität des Saarlandes.

  • Christian Scholz.
    foto: archiv

    Christian Scholz.

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