Psychische Leiden: Mehr Schein als Sein

Blog20. Februar 2014, 09:04
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Die Flucht ins Burnout löst keine Jobprobleme und belastet das Pensionssystem – aber echte Krankheiten gehören besser behandelt

Anmerkung: Bei diesem Blogeintrag habe ich mich im Ton vergriffen und Betroffene verletzt. Ich habe mich nach heftigen Reaktionen dafür im folgenden Eintrag entschuldigt. Weil es im Internet kein Löschen und Vergessen gibt, lasse ich den Blogeintrag mit dieser Anmerkung stehen.

 

Es ist bestürzend: Einerseits werden wir dank medizinischer Fortschritte immer gesünder und leben länger. Andererseits steigt die Zahl der psychischen Erkrankungen - sie ist mittlerweile der häufigste Grund für Invaliditätspensionen und schlägt sich auch immer stärker bei den Krankenständen nieder.

Aus wirtschaftlicher Sicht wird dadurch der Nutzen der steigenden Gesundheit wieder zunichtegemacht – und vor allem die Stabilisierung unseres Pensionssystems durch ein höheres Antrittsalter vereitelt. Aus menschlicher Sicht ist jeder dieser Krankheitsfälle für den Betroffenen traurig oder gar tragisch und auch für Arbeitskollegen höchst belastend. Irgendetwas läuft da völlig falsch.

Sind die Betriebe schuld?

Die Antwort von Gewerkschaft und Arbeiterkammer ist klar: Die Ursachen sind die steigende Arbeitsbelastung in fast allen Branchen und schlechte Chefs, die viel zu viel Druck ausüben, ständige Erreichbarkeit fordern und zu wenig Rücksicht auf ihre Mitarbeiter nehmen. Und die wahre Schuld liegt in der Ökonomisierung unserer Welt und im eiskalten neoliberalen Wirtschaftssystem.

Manche Arbeitgeber sehen das ganz anders: Psychische Krankheiten, und hier vor allem das schwer zu fassende Burnout-Syndrom, sind meist ein Vorwand für Arbeitnehmer, mehr bezahlte Freizeit zu erhalten oder zumindest unangenehmen Situationen im Berufsleben auf unfaire Weise zu entkommen. Es ist das Äquivalent zum geschüttelten Fieberthermometer, mit dem Schüler früher vor Schularbeiten Kranksein simulierten. (Mit modernen Digitalthermometern geht das nicht mehr so leicht.)

Massive Zweifel am Burnout-Syndrom

Ärzte sind zerrissen: Einerseits wissen sie, dass ein Großteil aller psychiatrischen Krankheiten noch immer nicht diagnostiziert und behandelt wird. Gleichzeitig gibt es massive Zweifel am Burnout, das als Krankheitsbild medizinisch gar nicht anerkannt wird.

Entweder, sagen führende Mediziner, leiden die Menschen an echten Depressionen, dann brauchen sie eine intensive und ständige Behandlung. Oder sie sind einfach erschöpft. Dann benötigt man Entspannung und Urlaub, aber keinen Krankenstand. Und Urlaub und Freizeit sind in unserer Arbeitswelt eigentlich ausreichend vorgesehen.

Stress steigt auch im Privatleben

Der jüngst publizierte Fall einer Kanzleihilfe, die nach einem Chefwechsel wegen Burnouts im Krankenstand war und – laut Oberstem Gerichtshof zu Unrecht – entlassen wurde, weil sie den Kontakt zum Arbeitgeber verweigerte, macht das Spannungsfeld deutlich, in dem sich Arbeitgeber und -nehmer in solchen Situationen befinden.

Wer hat recht? Es stimmt schon, dass der Stress an vielen Arbeitsplätzen aufgrund von Rationalisierungen zugenommen hat. Aber die neuen Technologien, die solche Einsparungen möglich machen, erleichtern gleichzeitig die Arbeit. Und der zusätzliche Druck der ständigen Erreichbarkeit und des Multitasking spiegelt sich auch im Privatleben der meisten Menschen wider. Wenn das ganze Leben weniger beschaulich wird, warum soll gerade der Arbeitsplatz davon ausgespart sein?

Objektive Messung nicht möglich

Es gibt daher keinen Grund anzunehmen, dass psychische Krankheiten insgesamt zugenommen haben. Die in Österreich traditionell hohe Zahl an Invaliditätspensionen muss – nicht im Einzelfall, aber sehr wohl im Kollektiv – auf einem gehörigen Maß an Vortäuschung basieren. Denn psychische Leiden lassen sich anders als andere Krankheiten nicht objektiv messen.

Das Gleiche gilt übrigens für viele Rückenschmerzen, deren Zahl ebenfalls stark zugenommen hat. Dabei sind Bürosessel heute viel besser gebaut als früher.

Im Notfall Jobwechsel

Damit die Wirkungen der jüngsten Maßnahmen gegen Frühpensionen nicht verpuffen, muss sich die Praxis der beurteilenden Ärzte rasch ändern. Burnout und Überbelastung dürfen nicht mehr so schnell als Grund für Krankenstände oder Frühpensionen akzeptiert werden. Ein paar Tipps des Arztes zur Entspannung und mehr Gelassenheit tun es manchmal auch.

Auch mit Chef oder Chefin zu sprechen nützt viel öfter als gedacht. Man kann um eine Versetzung im Unternehmen bitten; und im Notfall muss man den Job kündigen und sich einen neuen, weniger belastenden suchen.

Bessere Therapie für wirklich Kranke

Gleichzeitig müssen Menschen, die von solchen Leiden berichten, einer viel intensiveren Diagnostik unterzogen werden. Und wird eine echte psychische Krankheit festgestellt, dann müssen sie die entsprechende Behandlung – Gesprächstherapie und Medikamente – erhalten. Dafür müsste das Gesundheitswesen mehr Geld in die Hand nehmen. Aber weil damit auch Simulanten behindert werden, zahlt sich diese Investition volkswirtschaftlich aus.

Insgesamt wäre allen geholfen: den wirklich psychisch Kranken wie auch denen, die bloß am Arbeitsplatz und im Leben zu viel Stress verspüren. Denn der Rückzug in die - subjektiv empfundene - Krankheit bringt meist keine Lösung persönlicher Probleme. (Eric Frey, derStandard.at, 20.2.2014)

  • Aus medizinischer Sicht gibt es Depressionen und Erschöpfung - aber kein Burnout.
    foto: apa/dpa/stratenschulte

    Aus medizinischer Sicht gibt es Depressionen und Erschöpfung - aber kein Burnout.

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