Ein Kloster als letzte Zufluchtsstätte

Reportage19. Februar 2014, 19:29
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Mehr als 20 Menschen sind bis Mittwoch bei den Straßenkämpfen in Kiew ums Leben gekommen - Viele Verletzte flüchteten in ein orthodoxes Kloster, wo sie sich vor dem Zugriff der Staatsmacht einigermaßen sicher fühlen

Teile des Zentrums von Kiew waren am Mittwoch wie ausgestorben: kaum Autos, wenige Fußgänger, viele Geschäfte geschlossen oder gar leergeräumt. Die Metro hatte ihren Dienst eingestellt. Offizielle Begründung der Stadt: "Uns liegen Informationen über einen Terroranschlag vor."

Die ganze Nacht hatten sich etwa 20.000 regierungskritische Demonstranten heftige Straßenkämpfe mit Truppen des Innenministeriums geliefert. Der Maidan, der Unabhängigkeitsplatz im Stadtzentrum, wurde jedoch nicht geräumt. Am Morgen nach den ­gewaltsamen Auseinandersetzungen, bei denen mehr als 20 Menschen zu Tode kamen, bot sich ein Bild der Verwüstung. Das Haus der Gewerkschaften, ein siebenstöckiges Gebäude aus den 1970er-Jahren, also aus der Sowjetära, brannte komplett aus.

Anders als in den umliegenden Straßen herrscht auf dem Maidan reges Treiben. Bereits am Vormittag haben sich unzählige Menschen versammelt, um Lebensmittel zu sortieren, die sie aus dem Gewerkschaftshaus "gerettet" hatten. Andere reißen Steine aus den Gehsteigen, um sie in Säcke zu füllen. Vor der Hauptpoststelle ist das Pflaster bereits komplett abgetragen. "Das sind Wurfgeschoße, damit verteidigen wir uns gegen die Berkut-Soldaten", sagt Sascha. Der 22-Jährige stammt aus Winnyzja in der Westukraine. Sein Gesicht ist mit Wunden übersät, ein Auge zugeschwollen. "Ich wollte das Gewerkschaftshaus verteidigen", sagt der junge Mann.

Doch das Gebäude ging in Flammen auf. Seit Beginn der Proteste nutzten die Maidan-Aktivisten es als ihr Hauptquartier inklusive Pressebüro. "Das Haus wurde von Berkut angegriffen", sagt Sascha, er wisse es genau, weil er daneben stand: "Die haben hunderte Geschoße dort hineingefeuert."

"Ich werde kein Russe" 

Geschoßsplitter trafen Saschas Gesicht. Er habe danach noch stundenlang weitergekämpft. "Ich mache das hier alles, weil ich Ukrainer bleiben will, ich bin und werde kein Russe." Er wolle sich jetzt erst einmal im Kloster St. ­Michael behandeln lassen, aber "heute Abend bin ich wieder auf dem Platz", ruft er zum Abschied.

Sergej Trotschimtschuk ist Arzt. Seit Dienstagabend kümmert er sich um die Verletzten, die ins Kloster St. Michael kommen. "Ich habe gestern Abend spontan entschieden, nicht zu meiner Nachtschicht ins Krankenhaus zu fahren, sondern hierher", sagt der 45-Jährige. Eine Kollegin habe ihn angerufen und über die hohe Zahl der Verletzten bei den Straßenschlachten informiert. Die Verletzten hätten Angst, sich in Krankenhäusern behandeln zu lassen, weil sie befürchteten, die Staatsmacht könnte sie dort abholen. Deshalb sei im Kloster ein provisorisches Lazarett entstanden.

"Ich habe in den vergangenen zwölf Stunden vor allem Menschen mit Schlagverletzungen und Schusswunden behandelt", sagt Trotschimtschuk. Die Leute kämen massenweise hierher, weil sie glauben, die Sicherheitskräfte würden das Kloster nicht überrennen. Kirche und Kloster gehören zur ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, dort ist auch Präsident Wiktor Janukowitsch Mitglied. Die orthodoxe Kirche in der Ukraine ist seit den 1990ern gespalten. Neben der Moskauer Linie gibt es die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats. Sie hat ihren Sitz direkt gegenüber dem Kloster St. Michael. "Auch von dort kommt Hilfe", berichtet Nadia. Sie habe sich bei ihrem Arbeitgeber krankgemeldet: "Ich muss mein Land retten", sagt die junge Frau. Zusammen mit unzähligen Helferinnen sortiert sie Medikamentenspenden im Hof des Klosters.

Verletzte vor dem Altar

Vor dem Altar der Klosterkirche liegen aufgereiht verletzte Männer. Die meisten dösen vor sich hin. Natascha ist gekommen, um ihren Sohn Roman nach Hause zu holen. Doch er will nicht: "Ich bleibe hier, das ist meine Entscheidung." Als Natascha die Kirche verlässt, laufen ihr Tränen übers Gesicht. "Ich habe Angst um meinen Sohn, um Kiew und um mein Land", sagt sie leise.

Auch Alexander Turtschinow sieht blass aus, in seinem Gesicht klebt ein Pflaster. Der Parlamentarier und Vizechef der Vaterlandspartei von Julia Timoschenko macht einen Rundgang über den Maidan. Er stand Dienstag auf der Bühne, als der Sturm auf den Maidan losging. Auch Witali Klitschko, Oleg Tjanibok und Arseni Jazenjuk waren dort. "Irgendwann habe ich aufgehört, die Blend- und Rauchbomben zu zählen, die Berkut in Richtung Bühne abgeschossen hat", sagt Turtschinow.

"Gemeinsam durchstehen" 

Zu seinen Verletzungen am Arm und im Gesicht schweigt er. "Wir haben die Leute auf den Maidan gerufen, sie haben uns vertraut, jetzt müssen wir das gemeinsam mit ihnen durchstehen", sagt der ehemalige Vizepremier. Seine Prognose für die kommenden Tage ist düster: "Der Präsident ist zu echten Gesprächen nicht bereit, wann immer wir ihn treffen, führt er Monologe. Er hat die Brisanz der Lage nicht erfasst, möglich, dass er zu diesen Handlungen gedrängt wird." Von wem der Druck kommt, will er nicht sagen: "Jeder, der die Ukraine kennt, weiß, von wem ich rede." (Nina Jeglinski aus Kiew, DER STANDARD, 20.2.2014)

  • Ein Demonstrant schießt mit einer Schleuder auf Polizisten.
    foto: apa/epa/kovalenko

    Ein Demonstrant schießt mit einer Schleuder auf Polizisten.

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