Richtung Zukunft, Richtung Slum

19. Februar 2014, 18:19
posten

Modernistische Architekturentwürfe und die dahinterstehenden Ideologien sind Ausgangspunkt für die Arbeiten des ungarischen Künstlers Tamás Kaszás. "Ersatz Utopia" heißt sein bitter-ironischer Zeitensprung in der Galerie Krinzinger

Wien - Es ist eine Frage der Ideologie, die aus Reklame soziale Kunst macht. Oder besser: Es war eine Frage der Ideologie. Russland "hat die Reklamen nicht abgeschafft, sondern von egoistischen Privatinteressen befreit und in den Dienst der Gemeinschaft gestellt". Sie sei "Kraftkomplex" zwischen Erzeugung und Verbrauch von Waren, hielt der ungarische Künstler, Journalist und Autor Lajos Kassák 1926 fest.

Als Teil einer stramm Richtung Zukunft marschierenden Gesellschaft war der Konsum nicht verwerflich und nicht antisozial - anders freilich jener des Kapitalismus. Allerdings musste auch die "gute Reklame" gewissen ästhetischen Anfordernissen - Harmonie der Elemente, markante Einfachheit, Leichtigkeit der Herstellung - entsprechen. Die sozialen Utopien einstiger Avantgarden zu hinterfragen, darum geht es Kassáks Landmann Tamás Kaszás (geb. 1976). Ein Thema, dem er, aufgewachsen in einer Modellstadt des "real existierenden Sozialismus" - in Stalinstadt (Sztálinváros, heute Dunaújváros) -, wohl nicht entkommt.

Dead-Adv heißt sein Kiosk-Display, an das Kaszás nicht nur das Manifest von Kassák pinnt, sondern auf dem er auch Abbildungen und Nachbauten von Modellkiosken namhafter Architekten wie Alexander Rodtschenko oder Herbert Bayer präsentiert.

Und während 2007 in Rio vom Bürgermeister alle Werbeschilder verboten wurden, weil man nicht mehr entscheiden konnte, ob legal oder illegal angebracht, lässt die Krise der freien Marktwirtschaft in Budapest die Werbeflächen im öffentlichen Raum "verlöschen". Kassák dokumentiert beides auf der Rückseite des utopischen Verbaus. Im Diorama of the Kiosk Village gegenüber wird Kaszás analytisch-ironischer Unterton bitter: Die Hütten sind zwar an konstruktivistischem Vokabular entzündet, in ihren ärmlichen, recycelten Materialien und mit Schmuddel-Patina überzogen sind es nurmehr Baracken eines Slums. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 20.2.2014)

Bis 1. 3., Galerie Krinzinger

Seilerstätte 16, 1010 Wien

  • Traum und Untergang der Reklame im Dienste des Sozialismus: "Dead-Adv" (2013-14) von Tamás Kaszás nimmt Bezug auf konstruktivistische Kiosk-Entwürfe.
    foto: galerie krinzinger

    Traum und Untergang der Reklame im Dienste des Sozialismus: "Dead-Adv" (2013-14) von Tamás Kaszás nimmt Bezug auf konstruktivistische Kiosk-Entwürfe.

Share if you care.