Fenster aus einer wirklichen Welt

19. Februar 2014, 18:10
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"One in a Million": Ausstellung des Künstlerinnenduos FORT in der Galerie Elisabeth & Klaus Thoman

Wien - Viel unterschiedlicher könnten die Zugänge nicht sein: In den repräsentativen Räumen der Galerie sieht man jüngste Werke Siegfried Anzingers: Es sind Bozzetti und Bronzen, aber auch eine Reihe malerischer Arbeiten, die den österreichischen Maler einmal mehr als spannenden Bildgestalter ausweisen.

Während er irritiert, weil er Szenen aus Comics mit Heiligendarstellungen kombiniert, lässt ein Blick in den Nachbarraum vermuten, dass dort gerade gar keine Ausstellung ist. Das hängt zum einen mit der abgedimmten Neonbeleuchtung zusammen, zum anderen mit der Installation, in der man unweigerlich ein Stück "Wirklichkeit" erkennt: Schließlich hat das in Berlin lebende und seit 2008 bestehende Künstlerinnenduo FORT (Jenny Kropp und Alberta Niemann) mit einem Rollbalken und ein paar, mit Habseligkeiten vollgestopften Plastiksackerln ein situatives "Bild" kreiert, dem man im urbanen Raum immer mal wieder begegnet.

Wagt man sich näher heran, obwohl selbst die Re-Inszenierung etwas überraschend Intimes hat, entdeckt man fünf weitere Objekte: In einem großen Schaufenster erinnern beispielsweise ein vertrockneter Rosenstrauß, Vorhang und Schnurtelefon an die 1950er-Jahre. Hintern den Scheiben kleinerer Fensterobjekte imaginiert man ganze Familien und deren Geschichten: Da trocken vor der Lamellenjalousie Socken, dort blitzt das blaue Licht des Fernsehers hervor. Und irgendwer hat ein sichtlich versifftes Stofftier und eine Champagnerflasche auf sein Fensterbrett gestellt.

Die beiden Künstlerinnen, die letztes Jahr auch Teil der Ausstellung Fremd & Eigen in der Galerie im Taxispalais waren, regen Fenster aus ihrem persönlichen Lebensumfeld zu den sehr naturgetreu nachgebildeten Objekten - inklusive der Spikes zur Abwehr der Tauben - an: Inspiration lauert in den diversen Berliner Stadtvierteln, aber auch Schrebergartenkolonie; von dort stammt womöglich die Vorlage zum Fenster mit den geschlossenen Rollläden.

Den Künstlerinnen geht es aber keineswegs um Reproduktion solcher Stereotypen - was sie interessiert ist das erzählerische Moment, aber auch der Voyeurismus, den ein erhelltes Fenster selbst im Galerieraum auslöst. (Christa Benzer, DER STANDARD, 20.2.2014)

Bis 1. 3., Galerie Thoman

Seilerstätte 7, 1010 Wien

  • Wer wohnt hinter diesem Fenster? In "One in a million" (2013) weckt das Künstlerinnenduo FORT den alltäglichen Voyeurismus.
    foto: rene arnold

    Wer wohnt hinter diesem Fenster? In "One in a million" (2013) weckt das Künstlerinnenduo FORT den alltäglichen Voyeurismus.

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