Jordanien: Die Grenzen des Möglichen

Video19. Februar 2014, 18:46
20 Postings

97 Prozent der syrischen Flüchtlinge sind in den Nachbarländern untergekommen. Wie viele Menschen täglich nach Jordanien flüchten, ist kaum zu dokumentieren

Als "größte humanitäre Krise seit dem Völkermord in Ruanda" bezeichnet Antonio Guterres die Syrienkrise. Am gestrigen Mittwoch kam der UN-Flüchtlingshochkommissar nach Wien, um über die Auswirkungen zu sprechen. Auch wenn sich Europa auf die Aufnahme von mehr Syrern als bisher einstellen sollte - betroffen sind vor allem die Nachbarländer.

Wer derzeit in Jordanien nach den Dimensionen der Fluchtbewegung fragt, dem fliegen die Zahlen nur so um die Ohren: Mindestens 3000 Syrer würden weiter jeden Tag über die Grenze gelangen, sagen Mitarbeiter lokaler NGOs. Das sei im Jahr 2013 der Fall gewesen, mittlerweile kämen nur mehr rund 300 Flüchtlinge pro Tag, relativiert das Uno-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) in der Hauptstadt Amman.

Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Fakt ist, dass 97 Prozent der syrischen Flüchtlinge in den Nachbarländern sind. Offiziell sind knapp 600.000 Syrer von UNHCR in Jordanien registriert - einem Land mit 6,3 Millionen Einwohnern und einer Fläche vergleichbar mit Österreich.


Die Grenzen zu Jordanien sind weiterhin offen. Noch. Foto: AP/Hannon

"Es sind weit mehr im Land", glaubt Suhad Zarafili, Projektleiterin der Caritas vor Ort. Viele würden sich aus Angst vor dem syrischen Geheimdienst nicht registrieren lassen, der Jordanien schon lange infiltriert hat. Um den Überblick zu behalten, hat die Uno vor fünf Wochen mit Iris-Scans begonnen.

Kaum noch Kapazitäten

Ein Besuch in Mafraq, einer kleinen Stadt im Norden nahe der syrischen Grenze, macht deutlich, welche Herausforderungen mit dem Zuwachs verbunden sind. Mehr als 60 Prozent der Bevölkerung sind mittlerweile Flüchtlinge. Am Straßenrand türmen sich Müllberge. Grundwasser und Strom reichen nicht mehr für die Versorgung. Die Stadtverwaltung hat kaum noch Kapazität, auf das rasante Wachstum zu reagieren.


Die Hälfte der Flüchtlinge aus Syrien sind Kinder. Foto: Julia Hernnböck

In Mafraq befindet sich auch Zaatari, jenes Flüchtlingscamp, das binnen zwei Jahren auf Stadtgröße gewachsen ist. Mit offiziell 130.000 und inoffiziell bis zu 300.000 Bewohnern ist es nach Dadaab in Kenia das zweitgrößte Flüchtlingslager der Erde - und die drittgrößte Stadt Jordaniens.

Angespannte Sicherheitslage

Nach internationalen Berichten über massive Sicherheitsprobleme will UNHCR-Sprecherin Frauke Riller beschwichtigen. Die Lage im Camp habe sich seit dem Vorjahr stark verbessert, außerdem seien die Medien zu sehr auf "sexy Headlines" fokussiert. "Nur weil es groß ist, heißt es nicht, dass es gefährlich ist", betont sie.

Der genehmigte Besuch von Zaatari am darauffolgenden Morgen wird dennoch kurzfristig abgesagt. Im Camp kam es zu Ausschreitungen, Jugendliche bewarfen das Militär mit Steinen und Stöcken, Besucher durften keine mehr hinein. "Das passiert manchmal, wenn sie neue Nachrichten aus Syrien bekommen", erklärt Gazi Sarhan, Sprecher des jordanischen Innenministeriums.

Zaatari hat unter Flüchtlingen einen schlechten Ruf. Wer kann, kauft sich frei. Mit der Nachfrage nach Bürgschaften steigen auch die Preise: Rund 65 Euro pro Person musste sie einem Jordanier zahlen, damit sie und ihre acht Kinder und Enkelkinder aus dem Camp ausziehen durften, erzählt eine Frau aus Homs. Vor einigen Monaten waren es noch 15 Euro.


Die Kinder würden sich am meisten bei Flugzeuglärm erschrecken, erzählt eine Caritas-Mitarbeiterin. Foto: Julia Hernnböck

Jetzt leben sie in Mafraq im Erdgeschoß eines Hauses. Zwei leere Zimmer mit Matratzen, eine Küche, ein kleines Bad. 235 Euro muss sie im Monat dafür Miete zahlen. Über ein Projekt der Caritas Jordanien bekommt sie Wohnbeihilfe, auch ein Warmwasserboiler wurde installiert.

Ihr Mann und ihr Schwager seien in Syrien beide entführt und gefoltert worden, erzählt sie. Ein Enkel serviert Tee, wir sitzen alle auf dem Fußboden. Woher sie das wisse? "Soldaten haben mir eine CD für 1500 US-Dollar angeboten", sagt sie und wischt sich die Augen. Auf der CD waren Bilder der malträtierten Leichen. Ihr Schwager hatte Würgemale am Hals, die ihres Mannes habe sie sich nicht mehr angesehen. Es ist eine mittlerweile bekannte Vorgehensweise in Syrien, Beweise für den Tod eines Angehörigen zu verkaufen.

Arbeitslosigkeit steigt

Wer auf der Flucht ist, braucht Geld. Die Mieten sind in Jordanien um 40 Prozent gestiegen - auch für Jordanier. Die Arbeitslosigkeit hat in den vergangenen zwei Jahren zugenommen, die Regierung schiebt die Schuld auf die Flüchtlinge. Obwohl sie keine Arbeitserlaubnis bekommen, arbeiten geschätzte 60.000 bis 70.000 Syrer illegal auf dem Feld, am Bau oder sammeln Müll. Mindestens die Hälfte von ihnen sind Kinder.


Neuerdings betreibt die Caritas einen Kindergarten, damit die syrischen Kinder in Jordanien zur Schule gehen können. Foto: Julia Hernnböck

Weil die Regierung nicht mehr mit einer raschen Rückkehr der Flüchtlinge rechnet, wurde das Unterrichtssystem geändert. Am Vormittag sind jordanische Kinder dran, am Nachmittag syrische. Dafür hat eine Schulstunde nun nicht mehr 50, sondern 35 Minuten. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 20.2.2014)

Die Recherchereise wurde von der Caritas Österreich unterstützt.

Weiterlesen:

Infografik: Flüchtlinge aus Syrien und der ganzen Welt

Share if you care.