Bier brauen mit der Kraft der Sonne

19. Februar 2014, 18:27
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Alternative Energieformen wie Solarthermie und Biogas können gerade in der Lebensmittelindustrie gewinnbringend eingesetzt werden. Die Brauerei Göss zeigt, wie

Leoben - Bis zum Jahr 2015 möchte die Brauerei Göss in Leoben ihren gesamten Bedarf an thermischer Energie aus alternativen Quellen speisen. Die neueste Errungenschaft auf dem Weg zu höherer Unabhängigkeit vom Erdgas hat sich auf einem Wiesenfleck, eingeklemmt zwischen Mur, Stift Göss und den Fertigungsanlagen der Brauerei, breitgemacht. Wo früher noch die Mitglieder des betriebseigenen Fußballvereins kickten, stehen heute Sonnenkollektoren in Reih und Glied.

Die Solarthermieanlage hilft seit diesem Jahr dabei, Flaschen in der Abfüllanlage zu waschen oder die Malzzuckerlösung im Sudhaus aufzuheizen. Drei bis fünf Prozent des jährlichen Bedarfs würden durch Sonnenkollektoren mit einer Gesamtfläche von 1400 Quadratmetern gedeckt, erklärt Andreas Werner, Braumeister in Göss. Im Vergleich zur Fernwärme aus dem benachbarten Sägewerk, das durch das Verheizen von Holzabfällen etwa ein Drittel des Bedarfs deckt, und einer Biogasanlage, die seit einigen Jahren zehn Prozent des Bedarfs aus Abwässern holt, ist das eher ein kleiner Brocken. Dennoch, dank EU- und Klimafondsförderung werde sich die Anlage in weniger als zehn Jahren amortisieren.

50 Prozent Energiebedarf substituiert

Dass bereits jetzt an die 50 Prozent des Energiebedarfs bei der Produktion substituiert wurden, sei einzigartig für eine Brauerei mit einem Ausstoß von mehr als einer Million Hektoliter Bier, sagt Werner. Auch innerhalb des Heineken-Konzerns sei man einer der Standorte mit dem geringsten Energieverbrauch.

Der größte Schritt in Richtung "grüner" Energie steht aber noch bevor. Denn die Solarkollektoren auf dem früheren Fußballfeld sollen Gesellschaft bekommen. Eine weitere Biogasanlage soll Energie aus dem Biertreber gewinnen, also aus jenen festen Rückständen, die im Sudhaus übrig bleiben. Bisher dient der Treber etwa als Tierfutter in der Rindermast. Die neue Biogasanlage soll die restlichen 50 Prozent des Bedarfs an thermischer Energie abdecken. Die Reststoffe können dann als Dünger dort verwendet werden, wo ein Rohstoff der Brauerei herkommt: auf dem Gerstenfeld. Für Werner ein "schöner Kreislauf".

Energie für Milch und Fleisch

Dass in vielen Bereichen der Lebensmittelproduktion ein hohes Potenzial für die Einsparung konventioneller Energieformen schlummert, haben Forscher um Marcus Hummel vom Institut für Energiesysteme der TU Wien  im Rahmen der Studie "Solarfoods" herausgefunden. Durch optimierte Prozesse, Wärmerückgewinnung, Solarthermie und Biogas könnten in den untersuchten Betrieben insgesamt zwischen 15 und 60 Prozent der benötigten Energie ersetzt oder eingespart werden.

In Einzelfällen könnte sogar eine vollständige Entkopplung von handelbaren Energieträgern erreicht werden. Besonders in der Verarbeitung von Milch, Fleisch, Obst und Gemüse, überall dort, wo gewaschen oder pasteurisiert, wo gekocht oder getrocknet wird, gebe es Bedarf an thermischer Energie im relativ niedrigen Temperaturbereich zwischen 30 und 120 Grad. Bedarf, zu dem moderne Sonnenkollektoren einen relevanten Anteil liefern könnten.

Bessere Rahmenbedingungen

Da aber Energiekosten oft unter drei Prozent der Gesamtkosten in einer Lebensmittelproduktion betragen, gebe es wenig Interesse an Einsparungen, so Hummel. Sehr viele Betriebe würden noch alte Dampfsysteme zur Energieverteilung nutzen, die schwer mit Solarthermie zu koppeln seien. Hohe Umrüstungskosten schrecken ab.

Die Forscher haben zudem untersucht, welche Rahmenbedingungen von staatlicher Seite nötig wären, um bis 2030 hohe Anteile bei erneuerbaren Energieformen zu erreichen. Hummel: "Bei sehr ambitionierten Annahmen scheinen 35 Prozent möglich." Nicht nur ein Kostenanstieg bei fossiler Energie, etwa per CO2-Steuer, sondern auch bessere Bereitstellung von Informationen und längere Abschreibungszeiträume für "grüne" Investitionen seien dafür notwendig. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 20.2.2014) 

  • Energie gewinnen statt Tore schießen: Die neue Solarthermieanlage der Brauerei Göss in Leoben steht auf einem ehemaligen Fußballplatz.
    foto: brau union österreich/russold

    Energie gewinnen statt Tore schießen: Die neue Solarthermieanlage der Brauerei Göss in Leoben steht auf einem ehemaligen Fußballplatz.

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