Ponger: "Es ist eine Zeit des 'So tun als ob'"

Interview20. Februar 2014, 07:00
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Die Künstlerin Lisl Ponger stellt in ihrer aktuellen Ausstellung die "verschwindende Mittelschicht" aus und erklärt ihr eigenes Milieu zum Untersuchungsgegenstand

In der Wiener Secession ist derzeit Lisl Pongers Ausstellungs-Inszenierung "The Vanishing Middle Class" zu sehen. Ponger hat für den Hauptraum der Secession ein ethnologisches Museum kreiert, das Museum für Fremde und Vertraute Kulturen (Mukul). Damit will die Künstlerin stereotype Vorstellungen des "Anderen" in den Blick nehmen, wie sie über untergegangene Kulturen oder "fremde" Völker in Ethnologiemuseen üblicherweise zu finden sind.

Ponger nimmt mit "The Vanishing Middle Class" aber nicht das Fremde und nicht das Vergangene in den Fokus. Im Gegenteil: So nah ihr die ausgestellte Bevölkerungsgruppe ist, der sie selbst angehört, so ist es auch eine, die (noch) im Hier und Jetzt lebt: die Mittelschicht. Beate Hausbichler sprach mit Ponger über Statussymbole, prekäre Arbeitsmodelle und Nostalgiegefühle gegenüber der "verschwindenden" Bevölkerungsgruppe.

dieStandard.at: Sie haben mit dem Mukul keine fremde, sondern ihre eigene Schicht musealisiert, die in der Ausstellung als im Verschwinden begriffene Bevölkerungsgruppe dargestellt wird. Was macht Sie da so sicher? Besucht man den Naschmarkt in unmittelbarer Nähe der Ausstellung, bekommt man eher eine sehr zahlungskräftige denn eine schwindende Mittelschicht zu sehen.

Ponger: Es gibt einen Witz: Was macht man, wenn die Welt untergeht? Nach Österreich fahren, denn dort passiert alles zehn Jahre später. Ich bin als Künstlerin eine klassische Angehörige der Mittelschicht. Und wie alle anderen tun auch wir KünstlerInnen so, als wäre noch alles Ordnung. Ich höre immer wieder von Jüngeren: "Wir tun nur so, als gehörten wir der Mittelschicht an, wir haben die passenden Statussymbole wie etwa das iPhone, die passende Kleidung - aber in Wirklichkeit haben wir zwei, drei Jobs." Auch viele KünstlerInnen können nicht von ihrer Arbeit leben, haben verschiedene Jobs, um sich die Kunst leisten zu können. Es ist eine Zeit des "So tun als ob".

dieStandard.at: Sie widmen sich in Ihrer Ausstellung neben vielen anderen politischen Themen der Ethnologie. Was fasziniert sie daran?

Ponger: Es gibt den Begriff der Rettungsethnologie. Genau an dem Punkt, wo man annimmt, dass eine Bevölkerungsgruppe im Verschwinden begriffen ist, was ja oft heißt, dass kräftig mitgeholfen wird, wie zum Beispiel bei den indigenen Völkern Amerikas, beginnt man deren Artefakte zu sammeln. Dann folgt die Musealisierung, ein romantisches Bild wird geschaffen, und nostalgische Gefühle stellen sich ein: Ach, der edle Indianer, als er noch Büffel jagte ...

dieStandard.at: In den Texten des Mukul über die "untergehende" Mittelschicht werden auch die Vermischung von Arbeit und Freizeit und die ständige Inszenierung als Anforderung an die Mittelschicht beschrieben. Darin waren KünstlerInnen eigentlich Vorreiter, oder?

Ponger: Man muss schon zwischen selbstbestimmter Arbeit, die KünstlerInnen leisten, und fremdbestimmter Arbeit unterscheiden. Es ist etwas anderes, wenn sich Arbeit und Freizeit eines Bankangestellten vermischen oder wenn wir KünstlerInnen dies mehr oder weniger freiwillig tun. Aber es stimmt schon: Wir waren eines der Modelle für prekäre Arbeitsbedingungen.

dieStandard.at: Sie haben für die Ausstellung Objekte der Mittelschicht gesammelt und in Vitrinen ausgestellt. Wie haben Sie diese Dinge ausgewählt? Als Zugehöriger zu dieser Schicht böte sich praktisch alles an, was Sie umgibt. 

Ponger: Das ganze Konstrukt meiner Installation geht von Ausstellungspräsentationen in ethnologischen Museen aus. Ich betrachtete alles mit einem quasi ethnologischen Auge und überlegte, welche Objekte da wohl ausgestellt würden: Gebrauchsgegenstände oder Masken etwa. Ich suchte aber nach Objekten, die mehr als eine Bedeutungsebene haben. Die Parfums in den Vitrinen heißen etwa "Moneytalk", "Cash" und "Rich" - sie sagen damit noch etwas anderes als "Ich bin ein Parfum". Außerdem müssen sie mich ästhetisch ansprechen. Die Objekte mussten mir also gefallen, und sie mussten mindestens eine zweite Botschaft haben.

dieStandard.at: Wie das Lehman Brothers Emergency Evacuation Kit.

Ponger: Ja, das ist großartig. So etwas könnte man nicht erfinden. Dieses Emergency Kit wurde nach dem 11. September 2001 für die Bankangestellten von Lehman Brothers entwickelt und ausgegeben. In dieser kleinen grünen Plastiktasche sind eine Trillerpfeife, eine Taschenlampe, ein Sichtschutz, eine Gasmaske und ein Blatt mit Instruktionen. Es sollte Bankangestellten im Falle einer weiteren Katastrophe schützen. Nun ja - dazu muss man eigentlich nichts mehr sagen.

dieStandard.at: Das Mukul zeigt auch Beispiele von Protestbewegungen, die es tatsächlich gibt oder gegeben hat. Im Rahmen der Ausstellung wirken sie eher resignativ als kämpferisch. In einem Youtube-Video, in dem zur Mayday-Demonstration in Wien aufgerufen wird, heißt es etwa: "Pensionen bekommen wir eh keine mehr."

Ponger: Ja, es gibt sie im Moment nicht, die große Utopie. Aber es gibt viele zivilgesellschaftliche Gruppierungen, die zu bestimmten Themen arbeiten. Solange wir aber Klassenbarrieren nicht überwinden, wird sich nichts ändern. Wir machen uns meist nicht viele Gedanken, wie es denen geht, die noch weit weniger haben. Wir solidarisieren uns weder mit ihnen noch mit MigrantInnen.

dieStandard.at: Die Mittelschicht hat offenbar die Mittel, den eigenen Untergang zu dokumentieren und auszustellen, aber sie hat nicht die Mittel, ihn aufzuhalten ...

Ponger: Ich glaube, sie hätte die Möglichkeit. Sie hat allerdings immer mit den Mächtigen paktiert. Die Mittelschicht ist also an ihrem eigenen Verschwinden maßgeblich beteiligt. Es scheint, als wäre die Schmerzgrenze noch nicht erreicht, sonst würden wir uns nicht alles gefallen lassen.

dieStandard.at: Sie haben auch die Rolle von bildenden KünstlerInnen in diesen Inszenierungen des "Anderen" in Ethnologiemuseen thematisiert - mit einer Sonderausstellung im Mukul.

Ponger: Ich wurde selber mit meiner Arbeit schon öfter in ethnologische Museen eingeladen. In fast allen ethnologischen Museen wird versucht, sich von der kolonialen Vergangenheit zu lösen, andere Ausstellungsstrategien werden erprobt, die Umbenennungen der Museen gehört dazu. Unterschiedliche Museen haben unterschiedliche Strategien. Oft wird moderne Kunst einbezogen als Versuch, dadurch Ethnologiekritik einzubringen. Das war der Grund, warum ich mich auch mit meinen Arbeiten ins Mukul eingeladen habe.

dieStandard.at: Es gibt im Mukul auch einen Fotopoint - für Erinnerungsbilder?

Ponger: Ja, einen Fotopoint gab es auch in der letzten Ausstellung im Weltmuseum Wien. Sollte die BesucherInnen des Mukul beim Betrachten einiger Objekte ein nostalgisches Gefühl beschleichen, könnten sie sich beim Fotopoint, vor der Abbildung eines Abschied nehmenden gutbürgerlichen Paares aus den 1940er-Jahren, fotografisch verewigen. Ich hoffe auf Selfies auf diversen Facebook-Seiten. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 20.2.2014)

  • Lisl Ponger ist Filmemacherin und bildende Künstlerin, geboren 1947 in Nürnberg. 2002 nahm sie an der documenta 11 in Kassel teil, 2007 am Filmprogramm der documenta 12. 2005 erhielt Lisl Ponger den Preis der Stadt Wien für Bildende Kunst. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Wien.
    foto: mehmet emir

    Lisl Ponger ist Filmemacherin und bildende Künstlerin, geboren 1947 in Nürnberg. 2002 nahm sie an der documenta 11 in Kassel teil, 2007 am Filmprogramm der documenta 12. 2005 erhielt Lisl Ponger den Preis der Stadt Wien für Bildende Kunst. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Wien.

  • Golfbälle, Werbetafeln und, rechts unten, das Lehman Brothers Emergency Evacuation Kit.
    lisl ponger, the vanishing middle class, installationsansicht, foto: michael michlmayr

    Golfbälle, Werbetafeln und, rechts unten, das Lehman Brothers Emergency Evacuation Kit.

  • Ponger: "Das ganze Konstrukt meiner Installation geht von Ausstellungspräsentationen in ethnologischen Museen aus. Ich betrachtete alles mit einem quasi ethnologischen Auge und überlegte, welche Objekte da wohl ausgestellt würden: Gebrauchsgegenstände oder Masken etwa."
    lisl ponger, the vanishing middle class, installationsansicht, foto: michael michlmayr

    Ponger: "Das ganze Konstrukt meiner Installation geht von Ausstellungspräsentationen in ethnologischen Museen aus. Ich betrachtete alles mit einem quasi ethnologischen Auge und überlegte, welche Objekte da wohl ausgestellt würden: Gebrauchsgegenstände oder Masken etwa."

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