Einsame Spitze, aber nicht allein

19. Februar 2014, 17:39
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Der aus Wien stammende Popmusiker und Produzent Ferdinand Sarnitz sorgt international als Left Boy für Aufsehen. Jetzt liegt nach Erfolgen über Youtube mit "Permanent Midnight" sein Debütalbum vor. Sein Vater heißt übrigens André Heller. Das macht aber nichts

Wien - Der Mann ist 24 Jahre alt. Er nennt sich Left Boy. Er rappt, singt und produziert Musik auf elektronischer Heimwerkerbasis. In ihrer Mischung aus Humor, lustigen Geräuschen, verkorksten Beats, krude geschnittenen Samples aus der Musikgeschichte sowie quengeligen Raps im Stile des altvorderen US-Hip-Hop-Superstars Eminen (wenn dieser Schnupfen hat, sich aber nicht schnäuzt) befindet sich Left Boy auf der sogenannten Höhe der vielbeschworenen Zeit. Left Boy, das ist ein weiteres knallbuntes Alleinstellungsmerkmal im Überangebot der sich immer noch geschlossener individuell gebenden Massen. Hier will einer raus aus dem Einerlei des allumfassenden, unser ganzes Tun und Lassen oder Zulassen bestimmenden Popgedankens. Left Boy ist einsame Spitze, aber allein ist er nicht.

Left Boy dreht dazu lustige Videos zum Thema Ich-AG und stellt diese auf Youtube. Die Clips werden millionenfach angeklickt. Seine Fans sitzen in der ganzen Welt verteilt daheim vor den Displays und ziehen sich das rein. Sie finden es originell. Einzigartig unter lauter Einzigartigen, das ist das Ziel. Am Ende der Reise wird einmal stehen: Pop will eat itself.

Dieser Ansatz ist für Leute seiner Generation normal. Bloß von den Alten wird diese Kulturtechnik der autarken künstlerischen Produktionsweise ohne Team, Firma oder Budgets im Rücken noch immer ungläubig bestaunt. Ganz zu schweigen von den hübschen, das symbolische Kapital über virales Marketing mehrenden Nebeneffekten wie Werbeeinkünften ohne eigenes Zutun. In den vergangenen zwei, drei Jahren stieg Left Boy damit zu einem der allerallerneuesten Pop-Phänomene aus dem Internet auf. Hier nutzt ein weiterer Nachwuchskünstler von vielen eine Chance, die ihm in der hoffnungslos um Jahre hinterherhinkenden Verwertungskette der Musikindustrie ohnehin niemand gegeben hätte.

Jenseits von Afrika

Noch bevor ein erstes Album auf dem Markt war, füllte Left Boy schon Konzerthallen in New York, Berlin, London, Dings. Das geht auch ohne Werbung und Plakate auf der Straße. Sie wären heute nicht mehr das Papier wert, auf dem sie gedruckt werden - so sie noch gedruckt werden müssten. Die Hütten sind ja ohnehin sofort über Mitteilungen auf Zwitscher und What's App und Weiß-der-Teufel ausverkauft. Ähnlich wie etwa das deutsche Comedy-Trio Y-Titty findet die Sache unter Ausschluss der älteren Weltöffentlichkeit statt. Mit "älter" sind Personen über 25 Jahren gemeint.

Left Boy stammt zufälligerweise aus Österreich, was allerdings außerhalb seiner alten Heimat keine Rolle spielt, hierzulande aber schon. In Österreich ist man immer sehr stolz darauf, wenn jemand das Land verlässt, damit er etwas wird - und es dann unter dem Motto der Bremer Stadtmusikanten trotzdem schafft: "Etwas Besseres als den Tod findest du überall."

Ferdinand Sarnitz, die reale Person hinter Left Boy, studierte in Manhattan Tontechnik und lebt in Brooklyn in einer obligatorisch kreativen WG mit Filmemachern, Multimedianern, Zeug. Er wird seinen Weg machen - oder auch nicht. Die Aufmerksamkeit hat er.

In Wien bekommt er das mediale Interesse vor allem dank seines Vaters. Der heißt André Heller und hat eventuell außer der Studentenbude in New York wenig mit Left Boys Karriere zu tun. Im Vorfeld der Veröffentlichung von Left Boys jetzt vorliegendem Debütalbum Permanent Midnight war allerdings bezüglich der guten alten Ökonomie der Aufmerksamkeit eine gewisse auratische Umwölbung des Buben durch den Papa zu beobachten. Eines darf man aber nicht vergessen: Die Zielgruppe, die Left Boy weit entfernt von jeder geografischen Bodenhaftung im Vaterland bedient, weiß sehr wahrscheinlich nicht einmal, wer André Heller ist. Irgendetwas mit Pferden und Afrika, ja, gut, schon davon gehört.

Statt familiär vorbelastet poetische wie pathetische Lieder zu fertigen, setzt Left Boy in Songs wie Get It Right lieber darauf, dass es in einer verrückten Welt am besten ist, verrückt Party zu machen. Tanzen, entgleisen, ausschweifen. Punkrock, Drum 'n' Bass, Hip-Hop, Hybrid-Pop, schmalziger Softrock aus den 1970er-Jahren. Alles wird eingemeindet, rappelt, rasselt, quengelt. Wer sich traut, das Klavierschmalz eines Opas wie Billy Joel zu samplen, muss verdammt jung sein - oder wirklich cool. Party, Party. Passt doch. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 20.2.2014)

Left Boy tritt live am 31. 3. im Wiener Gasometer auf.

  • Ferdinand Sarnitz alias Left Boy: Eine Ich-AG macht Party zwischen Pop und Hip-Hop.
    foto: laura karasinski

    Ferdinand Sarnitz alias Left Boy: Eine Ich-AG macht Party zwischen Pop und Hip-Hop.

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