"Hitler war ein wutschnaubendes Rumpelstilzchen"

Interview19. Februar 2014, 17:54
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Maria Bill gibt ab Freitag den Gangsterboss und Hitler-Verschnitt "Arturo Ui" am Volkstheater. Wie zeitlos die Parabel von Bertolt Brecht und wie essenziell darin die Verssprache ist, erfuhr Margarete Affenzeller per E-Mail

STANDARD: "Arturo Ui" erzählt vom Aufstieg Adolf Hitlers als Farce - situiert im Gangstermilieu von Chicago. Reine Travestie sei zu vermeiden, hat Bertolt Brecht als Hinweis zum Stück gegeben. Wo liegt für Sie im Stück das Bestialische dieser Figur?

Bill: Er ist ein ganz hinterfotziger Typ. Er stellt sich als Beschützer vor, in Wahrheit arbeitet er mit Drohung, Erpressung und Gewalt: Er ist der cleverste Gangster im Vergleich zu den Politikern, die er benutzt bzw. ausschaltet. Wer aufbegehrt, wird erschossen. Das Bestialische ist seine Fähigkeit, Menschen von sich zu überzeugen - er versucht es auch beim Publikum -, um dann jeden Widerstand, der sich ihm entgegenstellt, mit Folter und Totschlag zu brechen.

STANDARD: Hitler ist - zumindest im deutschen Film - zu einem Fall für die Parodie verkommen. "Die Zeit" hat es einmal als "Hitleritis" bezeichnet ("Adolf - Der Bonker", "Schtonk!", Helge Schneider in "Mein Führer" usw.). Brecht hatte den "Arturo Ui" nicht als glatte Parodie entworfen. Beherrscher des Karfioltrusts zu sein ist aber doch - um im Obst-und-Gemüse-Jargon zu bleiben - eine Veräppelung. Wird es am Volkstheater nun eher zum Lachen oder zum Weinen?

Bill: Also, wie kann man einen Diktator am ehesten entmachten? Indem man ihn der Lächerlichkeit preisgibt und seine Potenz auf diesem Weg beschneidet. In der Schule habe ich mir den Lehrer in schiachen, zu großen Unterhosen vorgestellt, damit habe ich ihm so ganz für mich allein die Macht über mich genommen. So ist es auch mit Arturo Ui, obwohl man die Bedrohung nicht nur weglachen soll. Hitler war auch ein komisches Männchen mit Oberlippenbart. Eine Art wutschnaubendes Rumpelstilzchen. Wenn man die Dokumentationen über ihn heute sieht, ist es nicht nachvollziehbar, dass die Leute sich für ihn begeistert haben. Er wirkt lächerlich, trotzdem haben ihm die Menschen die Macht gegeben.

STANDARD: Die Probenfotos erinnern an Charles Chaplins Film "Der große Diktator", der ja herausgekommen ist, kurz bevor Brecht zu schreiben begann. Haben Sie sich an Adenoid Hynkel orientiert, am Puppenhaften, Mechanischen?

Bill: An Charlie Chaplin und diesem wunderbaren Film kommt man nicht vorbei, wenn man diese Rolle spielt. Überhaupt ich als Frau in dieser Figur. Ich habe aber meine eigene Art, mich auszudrücken, und da kommt was anderes heraus - hoffe ich. Die Schauspielerei ist eine verrückte Sache. Um glaubhaft jemand anderer zu sein, musst du du selbst sein. Das lerne ich immer wieder.

STANDARD: Vom "Arturo Ui" lässt man heute - wie von Brecht ja allgemein - lieber die Finger. Bietet eine Parabel wie diese für ein heutiges Theater einfach zu wenig Spielraum? Zu viel Zeigefinger?

Bill: Erstens kommt es darauf an, wie man in die Aufführung hineingeht, ob mit Vorurteilen oder sozusagen "naiv". Zweitens ist eine Parabel ein Gleichnis, und das hat kein Ablaufdatum. Brecht hatte den "Arturo Ui" ja am Beginn von Hitlers spät aufgehaltenem Aufstieg zur "Weltherrschaft" angedacht und 1941 im Exil geschrieben. Interessanterweise wurde das Stück erst 1958 uraufgeführt. Vielleicht brauchte Deutschland eine Pause von dem Schrecken. Aber die Pause ist längst vorbei und neue Schrecken könnten uns drohen. Von rechts. Ich sage nur: Ungarn. Von rechts weht der Wind auch in Österreich und überhaupt in Teilen Europas. Die Warnung Brechts vor einem Diktator ist immer gültig. Am Beispiel der Gangsterwelt von Chicago zeigt er die Verstrickung von Korruption in Politik und Wirtschaft und den Weg in den Faschismus. Es ist wohl nicht zufällig, dass dieses Stück auch in anderen Städten wie in Oldenburg, Dresden, Berlin spielt bzw. gespielt wurde.

STANDARD: Die Verssprache im Stück überhöht das Gesagte, das schäbige Wort wird Melodie (zum Beispiel: "Ich bin ein milder Mann. / Doch Drohungen vertrag ich nicht. Wer mir nicht blind vertraut, kann seines Weges gehen."). Sehen Sie das auch als eine Art Verfremdungseffekt? Wie wichtig ist diese lyrische Ebene für Ihre Interpretation?

Bill: Die Verse sind ein Verfremdungseffekt. Sie helfen mir. Wenn man nicht in Versen denkt, sondern dem Sinn nachspürt, hat es sogar eine Musikalität und eine Leichtigkeit der Sprache.

STANDARD: Ich habe gelesen, dass Sie die Mutter Courage gern noch einmal spielen würden. Anna Badora wechselt 2015 als neue Volkstheater-Intendantin nach Wien. Haben Sie mit ihr schon Kontakt aufgenommen? Was erwarten Sie von ihr?

Bill: Die Mutter Courage habe ich in der Ära Emmy Werner schon einmal gespielt - in der Regie Schottenbergs übrigens. Das heißt nicht, dass ich die Rolle für immer ad acta gelegt habe. Jetzt konzentriere ich mich auf meine "Arbeit" als Ui und habe keine Zeit, über die Zukunft nachzudenken. Fragen Sie mich in ein paar Wochen wieder! (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 20.2.2014)

Maria Bill, 1948 in Trogen in der Schweiz geboren, ist Schauspielerin und Sängerin. 1978 folgte sie Hans Gratzer ans Schauspielhaus Wien. Hier nahmen auch ihre legendären Chanson-Abende (zu Edith Piaf und Jacques Brel) den Anfang. Seit Mitte der 1990er-Jahre ist Bill Protagonistin am Volkstheater, dessen Intendanz 2005 ihr Ehemann, Michael Schottenberg, übernahm. Das Paar trennte sich 2011. "Arturo Ui" feiert am Freitag um 19.30 Uhr Premiere.

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Volkstheater

  • Es grüßt Maria Bill als Gangsterboss Arturo Ui.
    foto: lalo jodlbauer

    Es grüßt Maria Bill als Gangsterboss Arturo Ui.

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