Ein wahrer Höllenritt mit Sturm und Klang

19. Februar 2014, 17:40
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Das Klangforum Wien mit einem Werk von Jorge E. López im Konzerthaus

Wien - Ein heftiges Werk: wie ein großer, stark befeuerter Kessel mit Tonmaterial, aus dem es dauereruptiv zischt und brodelt; Themeneinsätze, die sich wilde Verfolgungsjagden liefern, ein kraftvolles, rastloses Agitato als dominierender emotionaler Aggregatzustand. Jorge E. López' II. Kammersymphonie op. 23 A végsö Tavasz, die am Dienstagabend im Konzerthaus erstmals in Österreich zu hören war, ist 60 Minuten lang Sturm und Klang.

Der Ungarnbezug ist schon im Titel (deutsch: Ein letzter Frühling) erkennbar: Dieser ist, wie auch einige im Werk rezitierte Textpassagen, einem Gedicht des Lyrikers Endre Ady (1877-1919) entnommen. Des Weiteren klingen im zweiten der fünf Sätze ungarische Kinderlieder an, stark verfremdet natürlich: Die vier Streicher unterlegen sie mit mikrotonal verstimmten Harmonien, ganz schön schräg.

López, 1955 in Havanna geboren, in den USA aufgewachsen und seit gut zwei Jahrzehnten in Österreich lebend, liebt surreale Klangwelten und die Musikgeschichte: Motive von komponierenden Kollegen gibt es in seinem Werk zuhauf (Beethoven, Liszt, Wagner, Kodály). Prägnant zitiert wird im vierten Satz das Scherzo aus Mahlers Erster: Der Komponist wird hier selbst zum Material, mit dem López arbeitet.

Der fantasievolle, sinnliche und virtuose Umgang mit den verwendeten Motiven aus der Musikgeschichte ist eine der Stärken des epischen, in zwei Abschnitten zwischen 2009 und 2011 komponierten Werkes. Einen ambivalenten Eindruck hinterlässt die Dauerintensität, mit der es aufgeladen ist: Manchmal freut man sich an Passagen, die zu einer Oktoberfestdeftigkeit finden, mitunter werden einem die grenzmanischen musikalischen Aktionen aber auch zu viel.

Sei's drum: Die elf Mitglieder des Klangforum Wien ackern für 24, Gesangssolistin Eva Nievergelt demonstriert intensive Expressivität im Kleid souveräner Strenge, Dirigent Emilio Pomàrico koordiniert und animiert vorzüglich und ist nach der ersten Viertelstunde schon ziemlich echauffiert. Die sechste "Langstrecke" im gleichnamigen Abozyklus des Ensembles für zeitgenössische Musik wird mit vollem Schub absolviert: ein wilder Ritt durch die europäische Musikgeschichte. (Als letztes Konzert der Aboreihe ist am 24. 4. Hans Zenders "komponierte Interpretation" über Beethovens Diabelli-Variationen zu erleben.) (Stefan Ender, DER STANDARD, 20.2.2014)

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