Wirbel, Wellen, Wasser

19. Februar 2014, 13:59
6 Postings

Der Schriftsteller Ilija Trojanow über "Adriana Lecouvreur" von Francesco Cilea

Wenn man in einem Kajak oder einem Kanu auf einem wilden Fluss paddelt, gibt es Passagen, da fließt es ruhig dahin, man hört Vögel und sieht Fische springen, man betrachtet die Wipfel und bestaunt die Vegetation am steilen Ufer. Alles wirkt besänftigend, die Stimmung ist kontemplativ. Dann vernimmt man ein ominöses Rauschen. Bevor man sich versieht, geht es steil flussabwärts, durch Strudel, Kaskaden und weißschäumendes Wasser, man ist hellwach, alle Sinne geschärft, überwältigt von der Ekstase des dramatischen Moments. Am Ausgang der Stromschnelle herrscht Euphorie vor.

So erging es mir neulich in der Staatsoper. Nach einem dahinplätschernden ersten Akt, hob der zweite Akt mit dringlicher Musik an und eine Mezzosopranistin trat auf mit der Wucht eines verspäteten Gastes, der inmitten von dezentem Smalltalk lautstark darauf beharrt, ein existentielles Gespräch zu führen. Auf einer Party würde das nicht unbedingt goutiert werden, in der Staatsoper wirkte es wie eine Erlösung.

foto: wiener staatsoper / michael pöhn
Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Das lag nicht nur an der Russin Elena Zhidkova, die ein sensationelles Hausdebüt gab, sondern an der merkwürdigen Struktur eines Werks, das nur beim Konkurrenzkampf zwischen zwei sehr unterschiedlich liebenden Frauen wahre Spannung entfaltet. Die Liebesbeziehung zwischen dem Grafen und der gefeierten Schauspielerin ist wenig motiviert oder glaubwürdig, eine fatale Schwäche in einer Kunstform, die sich gerne darauf versteift, sie bilde Liebe – vor allem Liebe als Leidenschaft – so intensiv ab wie kein anderes Genre. Der "stürmische Liebhaber" ist in diesem Fall von eher mittelmäßiger Anlage, weswegen sich Adriana Lecouvreur stets dann zu neuen Höhen aufschwingt, wenn der Tenor abwesend ist (schwer vorstellbar, dass Enrico Caruso angeblich mit dieser Rolle seinen Durchbruch feierte). Insofern ist Massimo Giordanos Leistung an der Staatsoper eine von exzessiver Werktreue – er steigert die Belanglosigkeit des Grafen von Sachsen ins Bedeutungslose. Giordano ist ein Schönling, zumindest für jenen Geschmack, der einst an Christopher Reeve Gefallen fand; seine hölzerne Schauspielerei gemahnt an die Worte des amerikanischen Filmkritikers Leonard Maltin, der einst über einen Zelluloidhelden schrieb: "He runs the gamut of emotions from A to B." Beim Singen stößt er viel und gerne und erweist sich zudem als ein Superman des Vibratos. Der Vergleich (dank youtube) mit Jonas Kaufmann, der die Rolle bei der ersten Station dieser Inszenierung in London ausfüllte, erweist sich als verheerend für den Italiener.

foto: wiener staatsoper / michael pöhn
Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Es ist schon merkwürdig, Superstar Angela Gheorghiu (die leider nicht ihren allerbesten Tag hatte, vor allem im ersten Akt) als Superstar Adriana Lecouvreur zu erleben, ohne dass diese Dopplung, dieses Energiefeld, von der Regie exploriert worden wäre. Zugegeben, damit dies gelingt, brauchte es ein wenig Mut des Regisseurs und etwas Selbstironie der Hauptdarstellerin – beides Mangelware. Ein einziges Mal wird bedingungsloser Applaus, blinde Verehrung und sabbernde Verneigung in leicht karikierter Form angedeutet, ansonsten wird das Publikum mit den eigenen Gedanken über Sein und Schein, über Maske und Gesicht, über Eitelkeit und Meisterschaft allein gelassen, umgarnt von einer Musik, bei der Berührendes und Banales so nahe beieinander liegen, als wären sie zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Gutes Kunsthandwerk, keine große Kunst.

Höhepunkt: Der Gesang von Elena Zhidkova. Wut und Eifersucht in eine Orkanstimme gelegt. Umwerfend.

Coda: Die Vorstellung der "Adriana Lecouvreur" am 22. Februar überträgt die Wiener Staatsoper im Livestreaming. (Ilija Trojanow, derStandard.at, 19.2.2014)

  • Trojanows Operama
Unser gegenwärtiges Opernleben ist reichhaltig, aber ist es auch relevant? Auf subjektiv eigenwillige Weise, in einem literarischen Ton, wird Ilija Trojanow die Bedeutung des Musiktheaters heute anhand von aktuellen Aufführungen in Wien und anderswo unter die Lupe nehmen. Und sich immer wieder die Frage stellen, ob und wie sich unsere Zeit in den Inszenierungen widerspiegelt. Hintergrundberichte, Porträts und Interviews runden das Operama ab.
Adriana Lecouvreur von Francesco CileaStaatsoper Wien, 16. Februar 2014. Premiere
    bild: oliver schopf

    Trojanows Operama

    Unser gegenwärtiges Opernleben ist reichhaltig, aber ist es auch relevant? Auf subjektiv eigenwillige Weise, in einem literarischen Ton, wird Ilija Trojanow die Bedeutung des Musiktheaters heute anhand von aktuellen Aufführungen in Wien und anderswo unter die Lupe nehmen. Und sich immer wieder die Frage stellen, ob und wie sich unsere Zeit in den Inszenierungen widerspiegelt. Hintergrundberichte, Porträts und Interviews runden das Operama ab.

    Adriana Lecouvreur von Francesco Cilea
    Staatsoper Wien, 16. Februar 2014. Premiere

Share if you care.