Prozess in Wien: Zu enge Kurve, zu früh weg

19. Februar 2014, 14:44
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Drei Minderjährige verunfallten 2011 mit einem "geborgten" Auto. Zwei sitzen nun vor Gericht, weil sie den Verletzten im Stich ließen

Wien - Die Tatsache, dass eine Kurve doch keine 90 km/h vertragen hat, hat zwei Teenager vor Richterin Daniela Zwangsleitner ins Straflandesgericht Wien gebracht. Der Vorwurf: fahrlässige Körperverletzung und Im-Stich-Lassen eines Verletzten. Nach einem Totalschaden verschwanden sie nämlich vom Unfallort und ließen einen Freund, der sich das Auto von seinem Bruder "ausgeborgt" hatte, zurück. Mit dessen Einverständnis.

Aus Langeweile beschloss das Trio, der Älteste 16 Jahre alt, am 5. Dezember 2011 eine nächtliche Spritztour zu unternehmen. Es mangelte allerdings an zwei in diesem Zusammenhang nicht unwesentlichen Dingen: einem Führerschein und einem Auto.

Innerfamiliäre Problemlösung

Zumindest das zweite Problem löste das spätere Opfer innerfamiliär: Er nahm sich den Schlüssel des Alfa Romeo seines Bruders, während dieser schlief. Man startete also und düste durch Wien-Ottakring. "Wie schnell waren Sie denn?", fragt Zwangsleitner den damaligen Verletzten, der als Zeuge aussagt und als Beifahrer mit von der Partie war. "90 bis 100 km/h." - "Und wie schnell darf man im Stadtgebiet fahren?" - "Das hängt von der Zone ab", lautet die kundige Antwort.

In der Ameisbachgasse war der Erstangeklagte jedenfalls definitiv zu schnell, er verlor die Kontrolle und rammte einen BMW, der durch die Wucht noch gegen einen Baum geschleudert wurde. Die fahrtechnisch also doch nicht so firmen Burschen kletterten aus dem Wrack und rauchten erst einmal.

Der Zeuge, dessen Bruder der Autobesitzer war, hatte eine blutende Schürfwunde an der Stirn, fühlte sich sonst aber fit. "Ich habe ihnen gesagt, sie sollen weggehen", verteidigt er seine Freunde an diesem Mittwoch. "Warum?", fragt die Richterin. "Na ja, mein Bruder war halt streng. Ich wollte nicht, dass er erfährt, dass die anderen gefahren sind", erklärt er. Die Befürchtung war nicht unbegründet: Zwei Monate lang herrschte geschwisterliche Funktstille.

Schürfwunde und Verletzung am Knie

Als die Rettung kam und der Schock nachließ, bemerkte das Unfallopfer allerdings doch, dass die Sache nicht so glimpflich ausgegangen war: Er hatte sich am Knie verletzt und bekam einen Gips. Wie in den Gerichtsakt allerdings die Diagnose Fersenbeinbruch kommt, ist ein Mysterium.

Vor ihrem Urteilsspruch redet Zwangsleitner den beiden Angeklagten nochmals ins Gewissen. Der Erstangeklagte, zweifach vorbestraft, war der Lenker, seine größte Angst ist, dass er Probleme mit dem Führerschein bekommt.

Für problematischer hält die Richterin die Zukunftsperspektive des Zweitangeklagten: "Sie haben schon drei Vorstrafen, und der Bewährungshelfer sagt, Sie halten keine Termine ein", hält sie ihm vor. Der Schulabbrecher ist seit einem Jahr arbeitslos - "aber Sie haben sich ja nicht einmal beim AMS angemeldet! Wieso?" - "Das ist ein urweiter Weg", bekommt sie zu hören. Er wohnt in Wien-Hütteldorf und müsste zum Verkehrsknotenpunkt Praterstern. Mit den Öffis dauert das eine runde halbe Stunde.

Eine letzte Chance

Die erfahrene Jugendrichterin gibt dem Duo nochmals eine Chance: Der Fahrer erhält sechs Monate bedingt, die bei Jugendlichen nicht in der Strafregisterauskunft aufscheinen, der Zweitangeklagte einen Schuldspruch ohne Strafe. Die Urteile sind nicht rechtskräftig. (Michael Möseneder, derStandard.at, 19.2.2014)

  • Ein PS-starker Alfa war dem jungen Trio zu schnell.
    foto: alfa romeo

    Ein PS-starker Alfa war dem jungen Trio zu schnell.

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