Warum die Pussy-Riot-Inhaftierung verharmlost wurde

Leserkommentar19. Februar 2014, 10:07
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Eine Österreicherin war bei der Freilassung von Pussy Riot dabei und beschreibt die Stimmung vor Ort

Bis jetzt wurden die Olympischen Spiele von Glamour und Pomp begleitet, aber nicht von Aktivismus. Wie auch, wenn nur in der Peripherie protestiert werden darf. Die Pussy Riot Freilassung gestern vor der Polizeistation im Stadtteil "Adler" konnte man dann aber doch nicht so leicht vertuschen.

Außergewöhnliche "Gäste" auf der Polizeistation

Die Polizisten in der Polizeistation "Adler" in Sotschi können kein Englisch. Und irgendwann legen sie dann auch grundlos den Hörer auf. An jedem anderen Ort, zu jeder anderen Zeit wäre das für russische Verhältnisse an sich nichts Außergewöhnliches. Jetzt liegt diese Station aber mitten in der von Putin legalisierten Protestzone - zwölf Kilometer vom Olympischen Dorf entfernt und gut geschützt vor den Blicken der Öffentlichkeit zwar - aber immer noch in Sotschi.

Während der Olympischen Spiele dort keinen Bediensteten mit Englisch Kenntnissen zu stationieren wäre schlichtweg unklug.  Auf der anderen Seite- welcher russische Polizeibedienstet gibt einem Journalisten schon freiwillig Auskunft, wenn er gerade dabei ist Pussy Riot festzuhalten?

Laut den Mitgliedern Nadezhda Tolokonnikova und Maria Alekhina ist das in den letzten drei Tagen drei mal passiert. Die beiden Frauen halten sich seit Sonntag mit einer Gruppe aus Vertrauten und Aktivisten - darunter auch Menschenrechtler Semjon Simonow am Schwarzen Meer auf und wurden im Zuge dessen bereits zweimal festgenommen. Gestern Nachmittag - so kursierte kurz das Gerücht - scheinbar aufgrund eines Diebstahls in einem Hotelzimmer. Dies erwies sich später aber als falsch.

Trouble over Sochi

Eine Filmemacherin, die mit den Pussy Riot Mitgliedern arbeitet und bei der Festnahme um zehn Uhr im Stadtzentrum zugegen war, erzählt, man habe nicht protestiert oder versucht Aufsehen zu erregen. In der besagten Polizeistation sei es dann auch zu gewalttätigen Übergriffen gekommen, nachdem sich die Mitglieder weigerten, die Fragen ohne einen Anwalt zu beantworten. All das weiß man nicht nur aus zweiter Hand sondern von Pussy Riot persönlich, die während ihrer Festnahme Fotos aus dem Polizeiautos twitterten und sogar Telefonanrufe entgegennahmen. Man wollte die Menschenmenge und den Rummel während der Freilassung. Und man bekam Beides.

Heitere Stimmung

Um ungefähr sechs Uhr Ortszeit ging nach stundenlangem Warten die Türe auf und fünf Frauen - vermummt mit neonfarbigen Strickmasken verließen unter Klatschen und Blitzgewitter das Gebäude. Erst war die Stimmung locker, ja sogar heiter. Auf Russisch wurde ein  "Song" - eine Art neues Punkgebet namens "Putin Will Teach You to Love the Motherland" vorgetragen. Man sei nach Sotschi gekommen um dafür ein Musikvideo zu drehen, das in bald veröffentlicht werden soll.

Außer Kontrolle

Irgendwann gerät die Lage außer Kontrolle. Journalisten rennen sich gegenseitig über den Haufen, es schüttet,  Autos hupen und die fünf Mitglieder werden sichtlich nervöser. Sie wollen keine Statements mehr abgeben meinen sie, als sie mit mir und einigen wenigen Journalisten in Richtung Taxi Stand laufen. Eine versucht es trotzdem und sagt "This is Russia, you know!".

Das richtige Russland also. Man hat schon fast wieder vergessen, wie das ist. Nämlich ein Prestigeprojekt dem hinter den Fassaden der Lack abblättert, ein Kräftemessen zwischen Mensch, Maschine und Natur.

Keine Menschenrechte, bitte

Wenn man sich anfangt zu fragen, wie all diese klobigen Hotelanlagen in so kurzer Zeit entstanden sind und womit beim Bau von Infrastruktur und Gebäuden gepfuscht wurde. Wenn man darüber nachdenkt, wo die Menschen die einmal in den jetzt verbauten Gebieten wohnten, jetzt wohnen müssen.

Sotschi fühlt sich an wie ein Vergnügungspark, über den eine undurchsichtige Kuppel gestülpt wurde. Wo man viele Maskottchen kaufen und Hot Dogs essen kann aber bitte nicht - nein auf keinen Fall - über Menschenrechte reden sollte. Kein Wunder also, dass auch die Pussy Riot Inhaftierung vom IOC verharmlost wurde und nicht weiter als ein "Fall für die Behörden" sei. Hauptsache man kriegt sein Foto und seinen Schnaps mit dem Präsidenten im Österreichhaus.

Putin legt sich wirklich ins Zeug, dass wir seine Heimat in diesen Tagen lieben. Und wie es Pussy Riot in ihrem Songtitel voraussagen, wird er damit auch leider bei den meisten erfolgreich sein. (Leserkommentar, Franziska Tschinderle, derStandard.at, 19.2.2014)

Franziska Tschinderle studiert Journalismus in Wien und schreibt für das Magazin The Gap.

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