Nicht ohne meine Rinder

20. Februar 2014, 18:11
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Massentierhaltung hat üble Folgen, aber sollten Menschen daher überhaupt kein Fleisch essen? Ganz auf Tiere zu verzichten hilft der Umwelt nicht, sagen Wissenschafter - ganz im Gegenteil

Fleischessen kann gut fürs Klima sein, ist Michael Pollan überzeugt. Pollan ist kein Lobbyist der Fleischindustrie, sondern einer ihrer erbittertsten Gegner. Seit Jahren kritisiert der Journalist das moderne Agrarsystem, seine Arbeit hat ihn zum bekanntesten Food-Journalisten der USA gemacht.

Vegetarier ist er dennoch nicht: Fleischkonsum, ist er überzeugt, kann gut für die Umwelt sein. So weit wie Pollan hatte sich der deutsche Blogger Clemens Olschewski nicht aus dem Fenster gelehnt. Als er im Jänner auf seinem Blog schrieb, dass Fleischessen nachhaltiger sein kann als industrieller Gemüseanbau, löste er einen Proteststurm aus. Unter dem Artikel zu diesem Thema gibt es bisher mehr als 1300 Kommentare.

Treibhausgasausstoß

Dass Massentierhaltung extrem schlecht für Mensch und Umwelt ist, ist umbestritten. Sie ist laut Studien verantwortlich für etwa 18 Prozent des globalen Treibhausgasausstoßes, vor allem weil so viel Land und Dünger für die Futtermittelproduktion gebraucht werden: Wer eine Kalorie aus einem Mastrind bekommen will, muss zehn hineinstecken.

Die Flächen, auf denen Mais und Soja für die Viehmast angebaut werden, könnten oft auch Menschen direkt ernähren. Je nach Berechnungen sollten Europäer daher die Hälfte, besser zwei Drittel weniger Fleisch essen, als sie das derzeit tun. Dann aber wird es komplizierter.

Wenn die ganze Menschheit plötzlich kein Fleisch mehr essen würde, wäre das keine gute Idee, ist Helmut Haberl überzeugt, der Chef des Instituts für soziale Ökologie an der Alpen-Adria-Universität und Mitglied jener Kommission, die den Klimabericht der Uno verfasst. "In vielen Gegenden der Welt sind Weidetiere unerlässlich für die Ernährungssicherheit von Millionen Menschen."

Hochwertige Proteine

Rinder etwa haben einen großen Vorteil: Sie können aus Gras Rindfleisch machen, sprich sie verwandeln etwas, das Menschen nicht essen können, in hochwertige Proteine. Das macht es möglich, Nahrung dort zu erzeugen, wo sonst Landwirtschaft kaum möglich wäre - von afrikanischen Steppen bis Vorarlberger Almen. "In Ländern, in denen Menschen nicht über Kühlschränke verfügen, dienen Tiere zudem als Nahrungsspeicher und als Notreserve für harte Zeiten", sagt Haberl. Doch auch in Österreich sind sie essenziell.

"Der Alpenraum wäre ohne Wiederkäuer nicht besiedelt worden", sagt Werner Zollitsch, Leiter des Instituts für Nutztierwissenschaft an der Boku. "Eine nachhaltige Grünlandbewirtschaftung ist dort ohne Kühe auch heute nicht vorstellbar. Würden die Tiere verschwinden, würden alpine Gegenden wieder verwalden und mitunter unbewohnbar werden."

Und Menschen sind bei weitem nicht die Einzigen, die von den Tieren profitieren: "Beweidete Flächen gehören zu den artenreichsten, wertvollsten Ökosystemen überhaupt", sagt Zollitsch. Sie sind Nistplätze für Vögel, Lebensraum für zahlreiche Insekten, Kleinsäugetiere, in ihren Böden sind besonders viele Mikroorganismen aktiv. Zudem haben solche Wiesen einen durchschnittlichen Humusgehalt von fünf bis zehn Prozent - der durchschnittliche Acker in Österreich hat ein bis zwei Prozent.

Solare Orientierung

Wenn Pflanzen wachsen, binden sie per Fotosynthese CO2. Wenn die Tiere die Pflanzen abfressen, stoßen diese ihre Wurzeln im Boden ab, wo sie verrotten. Das sorgt dafür, dass auf Weiden besonders viel Kohlenstoff im Boden gebunden wird. Journalist Pollan argumentiert daher, dass eine richtige Rinderhaltung dazu beitragen kann, die Erderwärmung zu verlangsamen. Richtig gehaltene Weiderinder, meint er, können potenziell einen negativen CO2-Abdruck haben.

Auch den Gemüseanbau können Tiere umweltfreundlicher machen. Einer der wichtigsten Schritte hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft wäre das, was Wissenschafter die "solare Orientierung" nennen: Weg von dem massiven Einsatz von Kunstdüngern, die aus Erdöl hergestellt werden und dem hohen Treibstoffbedarf großer Maschinen. Tiere können bei genau diesem Schritt eine große Rolle spielen.

"Bis zum Zweiten Weltkrieg waren der Ackerbau und die Rinderhaltung selbstverständlich miteinander verbunden", sagt der Agrarhistoriker Ernst Langthaler. Die Tiere dienten nicht nur als Pflugzieher, sie sorgten auch für den nötigen Dung. Über ihre Ausscheidungen kamen Nährstoffe aus dem Wald, den Wiesen und den Küchenabfällen auf die Felder. Dann wurde es dank des Haber-Bosch-Verfahrens ab 1910 möglich, Kunstdünger herzustellen. Der Siegeszug der industriellen Landwirtschaft begann. 

Integrierte Landwirtschaft

Heute stehen Monokulturen mit massivem Kunstdüngereinsatz Gegenden mit intensiver Massentierhaltung gegenüber, in denen der Tierkot das Grundwasser verseucht und zum teuren Entsorgungsproblem geworden ist. Eine integrierte Landwirtschaft, in der Tiere und Ackerbau wieder kombiniert werden, hat dieses Problem nicht.

Biolandbau, der auf Dünger aus Mineralstoffen verzichtet, ist zwar bereits ein wesentlicher Schritt in Richtung solarer Orientierung - "ein Biobetrieb ohne Tiere ist aber immer schwerer zu bewirtschaften als einer mit Tieren", sagt Zollitsch. Die Bauern müssen sehr große Mengen Pflanzenmaterial ohne Umweg über das Tier direkt in die Felder einbringen, was technisch aufwändig und treibstoffintensiv ist. Weil sie von Flächen, auf denen stickstoffbindende Pflanzen angebaut werden, weniger profitieren, sind sie weniger bereit, Felder brachliegen zu lassen und gehen eher an die Grenzen des Nährstoffgehalts ihrer Äcker. (Tobias Müller, Rondo, DER STANDARD, 21.2.2014)

  • Tiere können auch die biologische Landwirtschaft noch grüner machen.
    illustration: dennis eriksson

    Tiere können auch die biologische Landwirtschaft noch grüner machen.

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