Junge Pariser Modegarde: Aus der Mitte entspringt kein Stuss

20. Februar 2014, 18:20
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Eine neue Designer-Generation bringt Bodenständigkeit und Kreativität zusammen - und das zu moderaten Preisen

Der hippe Pariser Concept-Store "The Broken Arm" ist ein Gradmesser für heiße Ware aus der französischen Hauptstadt. Die kleine Boutique in der Rue Perrée, zwischen République und der Rue de Bretagne, ist seit ihrer Eröffnung vor einem Jahr der neue Lieblingsort der Pariser Modeszene. Im Café gibt's frische Pestosüppchen, und auf den minimalistischen Kleiderstangen nebenan hängt, was gerade cool und angesagt ist.

Dass hier nahezu die gesamte neue Generation Pariser Mode vertreten ist, versteht sich fast von selbst. Ob Carven, Kenzo oder Jacquemus - seit ein paar Saisonen mischt diese junge Garde, zu der auch Männermodedesigner Alexandre Mattiussi und das Label Ami gehören, die Pariser Modebranche auf. Ihre Kreationen sind nicht nur jung und tragbar, sondern vor allem auch: bezahlbar - zumindest wenn man die Preise mit jenen von Chanel oder Hermès vergleicht. "Der Preis spielt für uns natürlich eine wichtige Rolle", sagt Guillaume Steinmetz, einer der drei Gründer von The Broken Arm. "Dabei zählt für uns weniger die Summe an sich als ein angemessener Preis im Verhältnis zum Produkt."

Eine Gratwanderung, die mit den jungen Marken zu gelingen scheint. Natürlich sind sie deutlich teurer als H&M oder Zara, aber günstiger als alles, was man normalerweise aus Paris kennt und was für die meisten, seien wir ehrlich, unbezahlbar ist. Für die Luxushäuser bedeutet das ernste Konkurrenz. Die Neuen sind längst keine "Outlaws" mehr, sie stehen im offiziellen Kalender der Fashion Week, ihre Shows müssen sich hinter denen der Großen nicht verstecken.

Mattiussi verwandelte das Palais de Tokyo im Jänner in eine verschneite Pariser Straßenlandschaft, Jacquemus veranstaltete ein lautes Spektakel in einer Spielhölle, und Carven inszeniert seine Auftritte nun schon seit mehreren Saisonen im imposanten Grand Palais. Die neue Mode-Mittelschicht hat sich etabliert, und sie bringt unter einen Hut, was in der französischen Hauptstadt bisher als unvereinbar galt: Kreativität und kommerzieller Erfolg.

Die Mitte gefunden

Den Grundstein für die aufstrebende Mitte legte das Traditionshaus Carven. Das 1945 von Carmen de Tommaso gegründete Haute-Couture-Label befand sich lange Zeit im Dornröschenschlaf. Auf Carvens erfolgreiche Zeiten in den 1950er- und 60er-Jahren folgten dunkle Jahre, in denen das Haus dazu verdammt war, Uniformen für Stewardessen und schließlich Bürokleidung für Männer zu schneidern. 2009 kam die große Wende.

Der damals 30-jährige Guillaume Henry, der vorher für Givenchy und Paule Ka gearbeitet hat, übernahm das eingestaubte Label und machte es innerhalb weniger Monate zur Kultmarke - dank einer cleveren Marketingstrategie: Er positionierte das ehemalige Couture-Label im sogenannten Contemporary-Segment, bot hochwertige Designermode zu relativ moderaten Preisen an - in Paris eine absolute Marktlücke zu dieser Zeit. "Es gibt in Frankreich zwar Marken im mittleren Preissegment wie Maje oder Sandro", erklärt Elisabeth Prat-Dard, Modeleiterin vom Trendbüro Peclers in Paris, "aber keine davon trägt die Handschrift eines créateur". Es sei äußerst selten, dass eine Marke erschwinglich ist und gleichzeitig die kreative Feder eines Designers trägt.

Guillaume Henrys Handschrift dagegen ist unverkennbar. Seine Kleider sind feminin, sexy, aber niemals vulgär. "Es bleiben immer Kleider, die tragbar und leicht zu verstehen sind", sagt Henry. "Auch wenn Carven ein Couture-Haus war, es ging nie darum, snobistisch zu sein", erklärt er. Abgehobene Kreationen, für die es im wahren Leben keine Verwendung gibt, gehören jedenfalls nicht zu seinem Repertoire. "Demokratische" Mode nennt das Guillaume Henry.

Der französische Designer liebt das Spiel mit Raffungen, außergewöhnlichen Drucken und neckischen Durchblicken. Der Trend zu Cut-outs geht auf seine Kappe, genauso wie Landschaftsdrucke auf Kleidern, Röcken und T-Shirts, die man 2012 auf einmal überall sah. Und erst kürzlich ließ er die Modeherzen höher schlagen, indem er pastellrosa Oversize-Mäntel über den Laufsteg schickte - das aktuelle Must-have für den Winter. Seit seiner Übernahme bringt Guillaume Henry nahezu jede Saison ein neues It-Piece auf den Markt. Es erinnert fast ein bisschen an den Erfolg seiner französischen Kollegin Isabel Marant, die mit ihren Keilabsatz-Sneakern zu einer der meistkopierten Designerinnen gehört - und sich preislich immer geschickt ein Stückchen unter Saint Laurent und Co aufstellt.

Leistbarer Tigerkopf

Kein Wunder also, dass Carol Lim und Humberto Leon auf den Zug aufsprangen, als sie Mitte 2011 Kreativdirektoren der Marke Kenzo wurden. Als erste Amtshandlung senkten sie die Preise. Mit rund 500 Euro kostet ein Kleid jetzt nur noch ein Viertel von dem, was man noch zu Antonio Marras' Zeiten aufbringen musste. Dass der berühmte Tigerkopfpullover "nur" 200 Euro gekostet hat, war sicherlich ein nicht unwesentlicher Faktor für seinen sensationellen Erfolg. Der Preis knapp an der Schmerzgrenze animiert ganz offensichtlich zum Kauf.

"Unsere Mode soll Spaß machen. Jeder kann kommen und Teil der Marke sein", erklärt Carol Lim das neue Konzept. "Integrativ und demokratisch" will man sein, ganz im Sinne von Guillaume Henry. Ein eher ungewöhnlicher Ansatz für die elitäre Pariser Modewelt, in der Exklusivität bisher gerne mit verschlossenen Türen gleichgesetzt wird. Doch Paris scheint im Umbruch zu sein.

Auch Alexandre Mattiussi will mit seinem Männerlabel Ami alles andere als unerreichbar sein. Ami, was übersetzt "Freund" bedeutet, sind nicht nur seine Initialen, es ist auch die Philosophie der Marke. Mattiussi fand es immer frustrierend, für Häuser tätig zu sein, deren Mode er sich nicht einmal selbst leisten konnte. Er weiß, wovon er spricht, schließlich arbeitete er für Dior, Givenchy und Marc Jacobs, bevor er 2011 sein eigenes Label gründete.

Ami will die "perfekte Garderobe" sein: schick, maskulin und am Boden geblieben, im Design wie auch im Preis. "Ich möchte, dass meine Kleidung von so vielen Menschen wie möglich getragen wird", sagt Mattiussi. Ein Freundschaftsangebot, dem keiner widerstehen kann. Im letzten Jahr gewann der 33-Jährige den hochdotierten Andam Fashion Award und ist damit endgültig in die Riege der anerkannten Pariser Männerdesigner aufgestiegen. Bald soll die erste Frauenkollektion folgen.

Offiziell jung

Der Jüngste im Bunde der neuen Mode-Mitte heißt Simon Porte. Sein Konzept: einfache Schnitte, minimalistisches Design und simple Baumwollstoffe. Das alles zu akzeptablen Preisen, 150 Euro für ein Oberteil, 300 Euro für ein Kleid. Als er sein Label Jacquemus gründete, war Simon Porte gerade einmal 19. Heute, vier Jahre später, ist er immer noch der jüngste Modedesigner im offiziellen Programm der Pariser Fashion Week. Und das, obwohl er sein Modestudium an der Esmod nach drei Monaten an den Nagel hängte.

Der Autodidakt glaubt, er habe den Durchbruch seinen Blogger-Freunden zu verdanken. Man könnte auch sagen, dass der Erfolg schlichtweg seinem Charme zu verdanken ist. "Er hat diese Art aus dem Süden, ist witzig, liebenswert, und wenn ihm etwas gefällt, dann gefällt es ihm dreimal mehr als jedem anderen", sagt Guillaume Steinmetz über den jungen Designer.

Die Zeiten abgehobener Kreationen und Persönlichkeiten in der Mode scheinen jedenfalls vorbei. Ob nun Porte, Henry, Leon, Lim oder Mattiussi, sie alle sind mindestens ebenso nahbar und geerdet wie ihre Mode selbst. "Wir zeigen Kunden das Innere des Unternehmens und teilen mit ihnen Geheimnisse", sagt Humberto Leon. Auf "Kenzine", dem firmeneigenen Blog, erfährt man täglich, welche Ausstellungen die Leute von Kenzo zuletzt gesehen haben, wo sie gerne zu Mittag essen oder auf welcher Party sie gerade waren.

Auch Alexandre Mattiussi gewährt private Einblicke in sein Leben. Auf Instagram postet er Bilder von sich und seinem Neffen, seinen Reisen nach London oder vom Sonntagsdinner mit der Familie. Und jede Saison macht er ein Brainstorming mit seinem Team, aber auch mit seinen Freunden, um zu sehen, auf welche Kleidung alle gerade Lust haben. "Jeder von uns hat Ideen", sagt er. "Manchmal sogar bessere als ein Designer selbst." Demokratischer kann man ein Modelabel kaum führen. (Estelle Marandon, Rondo, DER STANDARD, 21.2.2014)

  • Als eines der ersten Pariser Labels positionierte Carven hochwertige Designermode im mittleren Preissegment.
    carven

    Als eines der ersten Pariser Labels positionierte Carven hochwertige Designermode im mittleren Preissegment.

  • Duch auffällige Drucke machte Carven nach Jahren des Dornröschenschlafs wieder auf sich aufmerksam.
    carven

    Duch auffällige Drucke machte Carven nach Jahren des Dornröschenschlafs wieder auf sich aufmerksam.

  • Teile der Damenkollektion von Kenzo (oben) kosten heute nur noch ein Viertel von früher, und das Herrenlabel Ami (unten) kokettiert mit dem Begriff "Freundschaftspreise".
    reuters/charles platiau; ami

    Teile der Damenkollektion von Kenzo (oben) kosten heute nur noch ein Viertel von früher, und das Herrenlabel Ami (unten) kokettiert mit dem Begriff "Freundschaftspreise".

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