Die vielen Wahrheiten des Februar

Kommentar der anderen18. Februar 2014, 19:31
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Eine Replik auf die "einseitige Sicht" von Kritikern der geteilten Schuld

Fast ist's mir, als hätte ich mit meinem Beitrag "Schwieriges Vermächtnis" auf einer Jahreshauptversammlung des Kameradschaftsbundes den Mythos von der sauberen Wehrmacht infrage gestellt. Die von Peter Huemer und Johannes Koll angerissenen Punkte im STANDARD vom 12. Februar (Sinnhaftigkeit des Aufstandes, Bekenntnis zur Demokratie etc.) mögen stehen bleiben, wie sie dastehen, ausdiskutieren wird man sie an dieser Stelle ohnehin kaum können.

Aber wenn es in einem von Huemer zitierten Beitrag heißt, die vielen Zivilopfer seien auf "systematische Übergriffe der Regierungsseite" zurückzuführen, so macht mich eine derartig einseitige Sicht der Dinge fassungslos. Ich habe im Rahmen meines Forschungsprojektes über die Februaropfer hunderte solche Fälle von unbeteiligten Todesopfern untersucht - sine ira et studio. Nach meiner festen Überzeugung ist die Schuld daran ungefähr zu gleichen Teilen beiden Parteien zuzuschreiben.

Wenn von "Exzesstötungen", beispielsweise in Oberösterreich, die Rede ist, so wird der von Huemer zitierte Florian Wenninger wohl an das grauenhafte Massaker auf der Bühne des Arbeiterheims Holzleithen gedacht haben, die "standrechtliche" Erschießung von wehrlosen Schutzbündlern durch die Heimwehr. Dieser Fall hat Eingang in die Schulbücher gefunden. Zu Recht. - Aber dachte Wenninger auch an den "lynchungsähnlichen Zwischenfall" (G. Botz) auf dem Polygonplatz in Linz, wo Bundesheer-Angehörige von einer gewaltigen Übermacht an Schutzbündlern niedergeschossen und erschlagen wurden? Heute heißt der Platz nach einem der möglichen Täter, dem hingerichteten Anton Bulgari.

Keine Gewissheit

Ein Wort noch zu den Polizeiberichten. Mein skeptischer Vorbehalt gegen diese Quelle fiel leider einer allzu energischen redaktionellen Kürzungsmaßnahme zum Opfer. Aufgrund meiner Beschäftigung mit politischer Gewalt in Wien um 1930 halte ich die Täterschaft von marodierenden Polit-Jugendgangs allerdings durchaus für möglich. Gewissheit darüber kann es nicht geben.

Und was die Polizeiquellen betrifft: Erstens handelte es sich immerhin um interne, nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Berichte. Wieso bloß sollte sich die Polizei selbst anlügen? Zweitens: Es gibt keine anderen, unabhängigen Quellen über diese Vorgänge - sieht man mal von unmittelbar nach den Kämpfen verfassten Propagandadarstellungen beider Seiten und Berichten von beteiligten Schutzbündlern und Sympathisanten aus späteren Jahrzehnten ab. Aber von diesen Zeitzeugen war kaum jemals einer tatsächlich am konkreten Tatort. Und selbst wenn: Waren sie im Februarkampf weniger Partei als die Polizei?

Ich bin weit davon entfernt, alles für bare Münze zu nehmen, was in derartigen Polizeiberichten steht. Meine Skepsis gegen Jahrzehnte später verfasste Erzählungen von Zeitzeugen, die ohnehin einen beträchtlichen Teil der Februar-Historiografie bestimmen, ist allerdings nicht geringer als gegen zeitnahe und zumindest faktensichere Polizeiberichte. (Kurt Bauer, DER STANDARD, 19.2.2014)

Kurt Bauer ist Historiker und Mitarbeiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Historische Sozialwissenschaft.

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