"Wir wollen nicht so enden wie die Syrer"

18. Februar 2014, 17:58
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Offener Gewaltausbruch in der Ukraine: Im Regierungsviertel von Kiew lieferten sich am Dienstag Demonstranten und Polizei schwere Straßenschlachten. Berichte sprachen von bis zu sieben Toten.

Den ganzen Tag über strömen Menschen ins Regierungsviertel von Kiew. Wenn man sie fragt, ob Gewalt das richtige Mittel zur Lösung der politischen Krise sei, reagieren die Leute verärgert bis aggressiv. "Warum verhängt (die deutsche) Bundeskanzlerin Merkel keine Sanktionen, oder hat sie Angst vor Russland", ruft eine Frau. "Wir wollen nicht so enden wie die Syrer", schreit ein junger Mann und droht mit einem Baseballschläger.

Am Nachmittag beginnt die aufgebrachte Menge, Pflastersteine aus der Straße vor der Nationalbank zu reißen, um damit auf der anderen Seite, beim Amtssitz von Präsident Wiktor Janukowitsch, Barrikaden zu errichten. In einer kleinen Seitenstraße, zwischen Institutska und Gruschewski-Straße, Sitz des Parlaments, brennt es lichterloh. In der Sadowa befinden sich zahlreiche Büros von Abgeordneten und Regierung. Rauchwolken verdecken den Blick auf die Zerstörungen.

Die Geduld der Ukrainer scheint zu Ende zu sein. Wochenlang haben Tausende friedlich im Stadtzentrum Kiews protestiert und in bitterkalten Nächten in Zelten ausgeharrt. Sie haben auf Ergebnisse gehofft, als EU und USA ihre Unterhändler schickten, um mit der Staatsführung und der Opposition zu verhandeln. Doch Janukowitsch spielt auf Zeit, will die Krise aussitzen. Der Westen stimmt dem zu, man hofft auf einen Wandel nach den regulären Präsidentschaftswahlen im März 2015.

Doch so lange wollen die Menschen in der Ukraine offenbar nicht mehr warten. Als das Parlament am Vormittag seine Arbeit aufnehmen wollte, hatten sich etwa 7000 bis 10.000 Protestierende im Regierungsviertel versammelt. Damit wollten sie ihrer Forderung Nachdruck verleihen, dass das Parlament endlich die Debatte zur Wiedereinführung der Verfassung von 2004 beginnt. Die Änderung würde dem Präsidenten Machtbefugnisse nehmen und die Ukraine wieder zu einer parlamentarischen Demokratie machen. 2010, kurz nach seinem Amtsantritt, hatte Janukowitsch, die Verfassungsänderungen von 2004 annullieren lassen. Zuvor hatte er den Obersten Richterrat mit Gefolgsleuten besetzt.

Anrufe von Merkel, Ashton

Am Nachmittag versuchten verschiedene Vertreter der Opposition, mit Janukowitsch zu verhandeln. Auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton hatten versucht, den Präsidenten zu erreichen, "doch er hat die Telefonate nicht beantwortet" , sagt Grigorij Nemyria, Abgeordneter der Vaterlandspartei von Julia Timoschenko. Deren Fraktion verließ am Nachmittag das Parlament und ging geschlossen zu den Demonstranten auf dem Maidan.

Witali Klitschko, einer der Oppositionsführer, richtete einen dramatischen Appell an die westlichen Botschafter und die internationalen Organisationen in Kiew. Die Vertreter von EU und USA sollten in das besetzte Haus der Offiziere kommen, dort würden sich unsagbar grausame Szenen abspielen. Das Gebäude vis-à-vis dem Parlament war zu Mittag von Demonstranten gestürmt worden. Sonderheiten des Innenministeriums verhinderten am Nachmittag, dass Ärzte und Krankenwagen zu den Verletzten durchgelassen wurden. Einige der Verletzten brauchten dringend medizinische Hilfe, es lägen Menschen im Sterben.

Nach zunächst unbestätigten Berichten kamen bis zu sieben Menschen ums Leben, unter ihnen auch ein Anhänger der regierenden Partei der Regionen. Die Opfer aufseiten der Demonstranten wiesen Schusswunden auf, hieß es. Der extremistische "rechte Sektor" hatte die Demonstranten aufgerufen, sich zu bewaffnen.

Am Nachmittag wurde die Kiewer U-Bahn komplett geschlossen. Als Grund dafür gab die Stadtverwaltung an, man habe Informationen, dass ein Terroranschlag geplant sei. (Nina Jeglinski aus Kiew, DER STANDARD, 19.2.2014)

  • In Ketten reichten Demonstranten im Zentrum von Kiew Pflastersteine an die "Front" weiter. Die Sicherheitskräfte reagierten ihrerseits mit gewaltsamem Vorgehen.
    foto: reuters/konstantin chernichkin

    In Ketten reichten Demonstranten im Zentrum von Kiew Pflastersteine an die "Front" weiter. Die Sicherheitskräfte reagierten ihrerseits mit gewaltsamem Vorgehen.

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    foto: reuters/konstantin chernichkin
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