Mais macht mobil

21. Februar 2014, 05:30
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In Österreich will die genetisch veränderte Maissorte 1507 so gut wie niemand haben - Manche Wissenschafter kritisieren die Pauschalverurteilung einer ganzen Technologie

Helge Torgersen war überrascht über das, was ihm sein Gesprächspartner von Greenpeace erzählte. Rauchern gegenüber von den Gefahren der Gentechnik zu sprechen sei eigentlich eine "Lachnummer", sagte der Umweltaktivist. Aber wenn sonst nichts ziehe, eine Gentechnik-Kampagne gehe immer.

Torgersen ist studierter Biologe und forscht am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) über die Auswirkungen neuer Technologien. "Eine Gefahr für die menschliche Gesundheit durch gentechnisch veränderte Pflanzen können Sie vergessen", sagt er. "Was mich nur immer verwundert, ist, dass Gentechnik immer noch ein Thema ist. Es gibt seit Jahrzehnten keine neuen Argumente, eine Debatte ist sinnlos. Es geht auch gar nicht um objektive Chancen und Risiken, sondern um Weltsichten, Interessen, finanzielles und politisches Kapital."

Vergangene Woche kam die Diskussion dennoch wieder auf. Die gentechnisch veränderte Maissorte 1507 steht kurz davor, in der EU zugelassen zu werden, als der EU-Ministerrat dafür stimmte, gingen die Wogen hoch. Umweltschutzorganisationen veröffentlichten Fotos von Menschen in einer Art Strahlenschutzanzug in Maisfeldern, das offizielle Österreich beeilte sich klarzustellen, dass man eine Ausnahmeregel erlassen werde. Dabei ist der Mais nach menschlichem Ermessen ungefährlich.

Pauschal gefährlich oder ...

"Man kann in Österreich leider unwidersprochen behaupten, dass die Gentechnik in der Landwirtschaft pauschal gefährlich ist, auch wenn die wissenschaftliche Literatur ein ganz anderes Bild zeichnet", sagt Josef Glößl, Professor für angewandte Genetik an der Boku in Wien. "Dabei muss man die Sorten immer im Einzelfall betrachten." Jede gezüchtete Pflanze habe je nach ihren Eigenschaften Auswirkungen auf ein Ökosystem, egal ob sie gentechnisch verändert ist oder nicht.

Die Sorte 1507 hat dank Genmanipulation zwei Besonderheiten: Sie ist resistent gegen den Unkrautvernichter Glufosinat, und sie produziert Cry1F, einen Wirkstoff, der den Maiszünsler tötet. Cry1F ist für den Menschen, für Säugetiere und fast alle Insek- ten unbedenklich: Der Wirkstoff wird erst im Verdauungstrakt von Schmetterlingsraupen aktiv. Im Biolandbau ist er als Spritzmittel zugelassen - mit dem Unterschied, dass dort das Bakterium Bazillus Thuringiensis ausgebracht wird, das Cry1F produziert. Im Fall von 1507 übernimmt das die Pflanze selbst.

Theoretisch besteht bei 1507 die Gefahr, dass der Mais zu Resistenzbildungen bei Schädlingen führt, ähnlich wie bei Antibiotika. Dem wirken Anbauer entgegen, indem sie auf einem Feld nur einen bestimmten Anteil gentechnisch veränderten Mais pflanzen. Zudem besteht das Problem nicht nur bei Genmais, sondern bei jeder Form des Pestizid-Einsatzes. "Daher sind solche Pflanzen auch nicht gefährlicher als andere. Man ist nur aufmerksamer geworden", sagt Torgersen.

Kritiker der Gentechnik warnen außerdem gern vor einer möglichen unbeabsichtigten Kreuzung der veränderten Sorten mit ihren wild lebenden Verwandten. Im Fall von 1507 und Europa ist dies aber völlig ausgeschlossen: Mais hat hier, anders als in Lateinamerika, keine natürlich vorkommenden Verwandten.

Warum Gentechnik in Österreich und anderen europäischen Ländern so umstritten ist, während in den USA sich kaum jemand daran stößt, ist unklar. Die Erklärungsversuche reichen von unterschiedlichen Zugängen zum Essen generell bis zu idealisierten Bildern der Landwirtschaft. "In Österreich hat man historisch nicht verstanden, dass man der Gesellschaft nicht eine Technik einfach vorsetzen kann und die Menschen dann automatisch begeistert sind", sagt Herbert Gottweis vom Institut für Politikwissenschaft an der Uni Wien. "Es wird sehr oft versäumt, das richtig zu vermitteln. Das beginnt bereits mit einem langweiligen, praxisfernen Biologieunterricht."

"Wir müssten den Nutzen für den Konsumenten besser vermitteln, nicht nur den für den Landwirt", meint Boku-Forscher Glößl. In der Medizin etwa habe das funktioniert, Gentechnik sei bei der Entwicklung von Medikamenten heute selbstverständlich.

Der Bedarf in Österreich nach gentechnisch veränderten Sorten ist allerdings kleiner als anderswo: Wegen des gemäßigten Klimas ist der Schädlingsdruck geringer als in heißen Ländern, durch die eher kleinteilige Landwirtschaft ist es schwierig, die Mindestabstände einzuhalten, die etwa zwischen Feldern mit gentechnisch veränderten und nicht manipulierten Pflanzen vorgeschrieben sind.

Zudem sind viele der Pflanzen für Probleme entwickelt, die eher in großen Monokulturen auftreten: Der Maiszünsler etwa kann nicht nur mit Pestiziden bekämpft werden, sondern auch mit wechselnden Fruchtfolgen. Wenn Mais nicht jahrelang auf demselben Feld angebaut wird, kann er sich nicht festsetzen.

... ein wichtiger Mosaikstein?

"Die österreichische Landwirtschaft ist sicher nicht von der Gentechnik abhängig", sagt Glößl. "Global ist es aber keine Frage, da braucht man sie." So könne sie helfen, eine nachhaltigere Landwirtschaft zu entwickeln, also einen Ackerbau, der mit weniger Pestiziden, weniger Unkrautvernichtungsmitteln und weniger Dünger auskommt, ohne dass die Erträge sinken. "Sie ist nicht die alleinige Lösung für alle Probleme, aber ein unverzichtbarer Mosaikstein", sagt er.

Egal wie das Zulassungsverfahren ausgeht, würde es wohl kaum zu einem Anbau in Österreich kommen, meint Glößl: Proteste, die Gefahr der Feldzerstörung und die Auflagen würden Landwirte wohl ohnehin davon abhalten. Technikfolgen-Forscher Torgersen ist überhaupt dagegen, dass 1507 in Österreich zugelassen wird. Bei einer so großen Ablehnung sei das "demokratiepolitisch nicht gescheit", sagt er. Die Art und Weise, wie ein Verbot hier wohl zustande kommen würde, sei allerdings sehr bedenklich.

Laut EU-Recht ist eine Ausnahme für Mitgliedstaaten nur dann möglich, wenn es nach dem Zulassungsverfahren zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen gekommen ist. Das ist bei 1507 nicht der Fall. "Bisher waren alle Anbau- und Einfuhrverbote in Österreich meiner Wahrnehmung nach vor allem politische und kaum wissenschaftsbasierte Entscheidungen" , sagt Glößl.

Das Problem könnte sich in einigen Jahren allerdings erledigt haben. Auch die Gentechnik entwickelt sich weiter, derzeit wird verstärkt an Methoden geforscht, bei denen entweder Gene aus Organismen der gleichen Art in eine Pflanze eingebaut werden oder bei denen mithilfe gentechnischer Verfahren klassische Züchtung viel effektiver betrieben werden kann. Bei Ersterem wird noch auf EU-Ebene diskutiert, was denn überhaupt als Gentechnik gilt - und was daher durch Zulassungsverfahren muss. Je nach Ausgang könnten solche Pflanzen künftig ohne breite öffentliche Diskussion ausgebracht werden. (Tobias Müller, DER STANDARD, 19.2.2014)

  • Nicht jeder hat das Glück der gelungenen Maisernte. Der Genmais 1507 entwickelt eine Substanz gegen den Maiszünsler, die als Spritzmittel zugelassen ist.
    foto: ap / michael sohn

    Nicht jeder hat das Glück der gelungenen Maisernte. Der Genmais 1507 entwickelt eine Substanz gegen den Maiszünsler, die als Spritzmittel zugelassen ist.

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