Science goes Business: Das Virus, das gesund macht

23. Februar 2014, 18:12
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Manche Viren können Krebszellen zu zerstören - Das Tiroler Universitäts-Spin-off ViraTherapeutics möchte ein genmodifiziertes Virus zu einem marktreifen Medikament entwickeln

"Wenn die Behandlung so wie in der Maus funktioniert, wird es eine Revolution sein", sagt Dorothee von Laer. Menschen, die an Krebs erkrankt sind, könnten in diesem Fall mit einer deutlich höheren Lebenserwartung rechnen, "wenn nicht sogar mit Heilung". Mit den neuen Medikamenten werde eine "bessere Behandlung von fortgeschrittenen Krebserkrankungen möglich als durch alles, was in den vergangenen 20 Jahren auf den Markt gekommen ist."

Die Forscherin, die derart kühne Vorausblicke wagt, ist Virologin an der Medizinischen Universität Innsbruck und spricht von den Möglichkeiten, die sogenannte onkolytische Viren eröffnen. Das sind Viren, die dazu benutzt werden, Tumorzellen gezielt zu zerstören. Seit die Gentechnik die Möglichkeiten geschaffen hat, Viren gezielt zu verändern, arbeitet eine ganze Reihe von Forschungsteams rund um den Globus an Medikamenten, die auf diesem Konzept aufbauen.

Die aus Deutschland stammende von Laer ist überzeugt, dass "ihr" Virus besonders vielversprechende Aussichten auf eine wirkungsvolle Krebsbehandlung eröffnet. Auch sie versucht mit ihren Kollegen im universitären Spin-off ViraTherapeutics Erkenntnisse der Grundlagenforschung in die Spitäler zu bringen.

Viren befallen Zellen im Körper von Lebewesen und schleusen darin ihr Erbgut ein, um sich zu vermehren. Je nach Art der Zellen, die die Viren bevorzugen, können sie verschiedene Infektionskrankheiten hervorrufen, vom harmlosen Schnupfen bis zur Immunschwächekrankheit Aids. Forscher wie von Laer suchen nach speziellen Viren, die einerseits möglichst großen Schaden unter den Tumorzellen anrichten, andererseits alle anderen, gesunden Körperzellen nicht attackieren. "Eine ganze Reihe von Viren kann das auf natürliche Weise", sagt von Laer. "Krebszellen sind oft die besseren Zellen für ihre Vermehrung."

Sie und ihr Team haben sich mit dem sogenannten Vesicular Stomatitis Virus (VSV) beschäftigt, das erst vor wenigen Jahren als Kandidat für eine onkolytische Anwendung identifiziert wurde. Das Virus infiziert im Normalfall Rinder und andere Huftiere, bei Menschen kommt es üblicherweise nicht vor, erklärt von Laer.

Bei Rindern kann eine VSV-Infektion etwa kurzzeitige Bläschenbildungen am Maul hervorrufen, trotz ähnlicher Symptomatik ist das Virus mit dem Verursacher der gefährlichen Maul- und Klauenseuche aber nicht verwandt. Menschen zeigen nur selten Symptome wie Bläschen am Mund. "Das Virus ist gewöhnlich nicht schwer pathogen", sagt von Laer. "Allerdings kann es in hohen Dosierungen zu einer Gehirnentzündung führen." - Was auch der Grund war, warum es bisher nicht als Krebsbekämpfer infrage kam.

"Wir mussten eine kleine Modifikation einfügen", sagt von Laer. Ein kleiner genetischer Eingriff sollte dem Virus seine potenziell gefährliche Eigenschaft nehmen. "Das hat gut geklappt", berichtet die Forscherin, "besser als erhofft." In den Versuchen an Mäusen könnten höchste Dosierungen verabreicht werden, "ohne dass das Geringste passiert". Nicht nur ein therapeutischer Effekt, zum Teil sei sogar eine vollständige Heilung der Nager erreicht worden. "Bei bösartigen Gehirntumoren, bei Prostatakrebs oder schwarzem Hautkrebs verschwanden die Tumoren nach maximal drei Injektionen komplett, Eierstockkrebs kommt nach einer Verzögerung wieder."

Um aus den vielversprechenden Ansätzen eine Behandlung für menschliche Krebspatienten zu machen, ist aber noch ein weiter Weg zu gehen. Erste Unterstützungen, unter anderem vom Wissenschaftsfonds (FWF) und durch das PreSeed-Programm des Austria Wirtschaftsservice (AWS), halfen, das Vorhaben auf den Weg zu bringen. Eine aufbauende Förderung des AWS-Seedfinancing soll das Projekt noch "ein Jahr weiterbringen".

Die Entwicklung werde insgesamt aber noch vier bis fünf Millionen Euro verschlingen, betont die Forscherin. "Wir sind gerade dabei, sie aufzutreiben."

Zwei Jahre werde es noch dauern, bis ViraTherapeutics mit den klinischen Studien beginnen und das Arzneimittel erstmals in Krankenhäusern getestet werden kann. Bis dahin muss in präklinischen Studien in externen Labors der Sprung zum Einsatz am Menschen vorbereitet werden. - Übrigens bei Tierversuchen an Hunden, die bereits an Krebs erkrankt sind und nicht extra krankgemacht werden, dafür möchte sich die Forscherin einsetzen.

Finanzielles Nadelöhr

Diese beiden teuren Jahre sind für von Laer das "Nadelöhr". In diesem Stadium seien die Investoren noch zurückhaltend. "Viele Erkenntnisse, die das Zeug zu neuen Medikamenten haben, landen in den Papierkörben der Universitäten."

Wenn alles glattläuft, gibt es eine Zulassung in acht Jahren. Andere Gruppen in den USA oder in Deutschland sind mit ihren Viren schon in klinischen Studien. Von Laer hält das modifizierte Virus aber für aussichtsreicher als deren Ansätze. "Wenn es nur annähernd so gut funktioniert wie im Tiermodell, könnte das Medikament dafür sorgen, dass in Zukunft auf bestimmte hochgiftige Chemotherapien verzichtet werden kann." (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 19.2.2014)

  • Tumor (rot) im Gehirn einer Maus (blau): Das modifizierte Virus (gelb) vermehrt sich nur im Tumor. Acht von neun Nagern konnten mit drei Injektionen vom tödlichen Tumor geheilt werden.
    foto: dorothee v. laer

    Tumor (rot) im Gehirn einer Maus (blau): Das modifizierte Virus (gelb) vermehrt sich nur im Tumor. Acht von neun Nagern konnten mit drei Injektionen vom tödlichen Tumor geheilt werden.

  • Dorothee von Laer will mit Viren Tumoren bekämpfen.
    foto: viratherapeutics

    Dorothee von Laer will mit Viren Tumoren bekämpfen.

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