Traditionshotel: Fünf Sterne, ein Traum

Porträt20. Februar 2014, 05:30
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Es gibt einige Traditionshotels in Wien. Das Ambassador ist nur eines, aber besonders - Eine Gouvernante erzählt

Am Anfang war das Ende. Es ist Krieg in Bosnien-Herzegowina. Ein nicht endenwollendes, grausames Gemetzel. Bahra Basinac ist kaum zwanzig Jahre alt und flieht. Sie will ihre Schwester in Wien finden, findet sie nach Tagen, doch ohne Papiere, ohne Pass ist eine Rückkehr unmöglich. So werden aus Tagen Monate, Jahre. Bis heute ist sie hier. Heute – das heißt Job, Wohnadresse, Frieden. Frieden mit sich selbst.

Dabei war es haarscharf für sie. Frau Basinac lehnt sich zurück und lächelt. "Ich erinnere mich noch heute an den Namen des Magistratsbeamten. 600 Flüchtlinge, das war die Zahl der offenen Asylanträge. Ich war eine unter den letzten sechs." Das Glück, das sie dabei empfindet, ist kaum zu beschreiben. Endlich auf die Straße zu gehen ohne Angst vor der Polizei, endlich langsam die Sprache zu verstehen, lernen, lernen und immer wieder lernen.

Das Ambassador am Neuen Markt in Wien. (Foto: Hotel Ambassador)

Bahra Basinac ist zierlich. Sie hat rote Haare, und wenn sie redet, leuchten ihre Augen. Begonnen hat sie als Zimmermädchen in Wien. Irgendwas habe sie tun müssen, um Geld zu verdienen. "Zimmermädel", sagt sie. Es klingt fast wienerisch. Alles, was sie sagt, wirkt ehrlich und tief empfunden. Heute ist sie Gouvernante im Ambassador, einem der zahlreichen Traditionshotels in Wien. Immer wieder lacht sie, wenn sie spricht. Ihr Deutsch ist heute perfekt, wenn auch mit Akzent.

Das Ambassador verbindet Luxus und Tradition seit Jahrhunderten. Der Platz, der Neue Markt in der Wiener Innenstadt, auf dem das heutige Fünf-Sterne-Hotel steht, wurde bereits im Jahr 1234 urkundlich erwähnt, im Jahr 1375 dann erstmals als "Mehlgroube", jenes Haus also, das 1418 städtisches Mehldepot und Metzenleihanstalt wird. 1697 wird die Mehlgrube abgerissen und nach den Plänen von Johann Bernhard Fischer von Erlach neu gebaut. Die Stadt Wien lässt an der Stelle des alten Mehldepots eine exklusive Vergnügungsstätte errichten. Mit Fertigstellung des neuen Gebäudes ist eine repräsentative öffentliche Einrichtung entstanden, die für Bälle, Redouten und sonstige Feste verwendet wird. Die ersten Bälle inszeniert der Tanzmeister Accriboni im Auftrag Prinz Eugens. Im Jahr 1781 wird die Mehlgrube in ein Konzertlokal umfunktioniert, und die ersten Liebhaberkonzerte werden veranstaltet, unter anderem mit Ludwig van Beethoven und Johann Nepomuk Hummel. Und auch er ist da: 1785 gibt Wolfgang Amadeus Mozart sein erstes Abonnement-Konzert in der Mehlgrube. 1837 übernimmt Franz Xaver Munsch die Mehlgrube und lässt sie in ein Hotel umbauen.



85 Zimmer und vier Apartments verbergen sich hinter der Fassade des Traditionshotels. (Foto: STANDARD/Matthias Cremer)

Basinac läuft das Hotel ab. 85 Zimmer und vier Apartments. Von oben bis unten, von unten bis oben. Ihre Arbeit beginnt um 7 Uhr am Morgen. Wann immer es geht, ist sie bereits 30 Minuten früher da und bleibt mitunter auch länger. "Ich kann nicht einfach gehen." Der Job im Hotel hat keinen Ausschalter. Nicht für Basinac. Sie lebt ihre Arbeit.

Gouvernante, das ist die Hausdame des Hotels. Sie koordiniert die Arbeit der Zimmermädchen genauso wie die Logistik, damit jeder Gast sprichwörtlich auf seine Rechnung kommt. Sie weiß, wie viele Klopapierrollen zu bestellen sind, wie viele Reinigungsmittel. Sie koordiniert die Grundreinigung, wenn ein Gast geht, und sie koordiniert den mehrmaligen Grundputz im Jahr. Das ist mitunter mehr als aufwendig und schwierig. Nicht jeder Gast verlässt sein Zimmer zum vorgegebenen Check-out-Termin, und andere warten schon. "Grundsätzlich nehmen wir darauf Rücksicht, wo immer es geht, behelfen uns aber mit Vorsichtsmaßnahmen, indem wir den Gast darauf aufmerksam machen."

Die Gäste. Ja, die Gäste. Auch sie haben sich geändert. Alles sei kurzlebiger heute, in vielen Fällen zahle die Firma den Aufenthalt. Wozu also noch Trinkgeld geben, wenn alles selbstverständlich ist? Selbstverständlich sind im Ambassador auch Bademantel, Schlapfen – selbst die Speisekarte, heute wie früher ein Präsent für so manchen Gast, das seinen Weg in einen Koffer findet. Daran hat sich nichts geändert und wird es wohl auch in Zukunft nicht.

In der Bar spielt ruhige Musik. In der Mitte des Raums steht ein Klavier. Basinac lehnt sich zurück, erinnert sich kurz an ihre Zwischenstationen in Hotelketten und familiengeführten Privatpensionen. Heute fühlt sie sich wohl und loyal verbunden mit dem Traditionshaus. Mit der Familie telefoniert sie täglich. Und wenn es nach Feierabend ganz ruhig ist, zündet sie sich eine Zigarette an. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 20.2.2014)

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