Befragung zur Mariahilfer Straße: Anrainer im Dilemma

24. Februar 2014, 14:27
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Für Bewohner in der Stollgasse bringt die Verkehrsberuhigung nicht nur Vorteile

Wer in den vergangenen Monaten die Diskussion rund um die Verkehrsberuhigung auf der Mariahilfer Straße verfolgt hat, dem scheint, Wien habe sich diesbezüglich in zwei Lager gespalten: Entweder man liebt oder hasst die Fußgängerzone. Doch für manche Anrainer des siebenten Bezirks bedeutet die Verkehrsberuhigung sowohl eine Verbesserung als auch eine Verschlechterung ihrer Lebensqualität. Nun eine Entscheidung bei der Befragung zur Mariahilfer Straße zu treffen fällt ihnen schwer.

"Alle Wege führen in die Stollgasse"

Eine von ihnen ist Sigrid L.*, langjährige Anrainerin der Stollgasse in Neubau. Das Ergebnis der Verkehrszählung im November hat gezeigt, dass dort seit der Verkehrsberuhigung 1000 Autos täglich mehr unterwegs sind, der Durchzugsverkehr hat um 50 Prozent zugenommen. "Man hat das Gefühl, dass sich die Verkehrsproblematik einfach in unserer Gasse verschoben hat", sagt L. "Im Moment führen alle Wege in die Stollgasse." Für sie persönlich ist das Konzept der verkehrsberuhigten Mariahilfer Straße von Nachteil. Täglich würden sich in der Stollgasse die Autos dort stauen, es sei laut und die Luft viel schlechter. Im Fall, dass eine freie Fahrt möglich ist, würden Autofahrer häufig das Tempolimit von 30 km/h überschreiten.

Trotzdem steht L. der Verkehrsberuhigung auf der Mariahilfer Straße grundsätzlich nicht negativ gegenüber. Da sie in der Nähe wohnt, nutzt sie die Einkaufsstraße "überdurchschnittlich oft". Die Einkäufe seien seit der Verkehrsberuhigung stressloser, die Gastgärten einladender und das freie Fortbewegen als Fußgängerin und das spontane Wechseln der Straßenseite endlich möglich. Außerdem findet sie, dass es sowieso viel mehr Shared-Space-Projekte in Wien geben soll.

Konsum- statt Flaniermeile

Wenn sie jedoch an den Lärm und den Gestank in ihrer Gasse denkt, ist sie unentschlossen, wie ihre Entscheidung für das Projekt am Ende ausfallen wird. "Ich kann nicht sagen, dass ich zwar für die Verkehrsberuhigung im Allgemeinen bin, aber nicht vor meiner Haustür", sagt L.

Ähnlich geht es Hubert F.*, ebenfalls ein verärgerter Anrainer der Stollgasse. "Hier passiert eine Verkehrsverdrängung auf meine Kosten." Die momentane Umsetzung der Verkehrsberuhigung sei für ihn ein Lehrbeispiel, wie man es nicht macht. Anders als L. schätzt er die Mariahilfer Straße auch nicht für ihr Nahversorgungsangebot. "Ich glaube nicht, dass daraus die Flaniermeile wird, die sich die Grünen vorstellen - eher eine Konsummeile für die Massen", sagt F. Der Idee der Verkehrsberuhigung kann er trotzdem etwas abgewinnen. "Innerhalb des Gürtels müsste es viel radikalere Maßnahmen geben."

Eingependeltes Verkehrsaufkommen

Die Aufregung der Anrainer nachvollziehen kann auch der Bezirksvorsteher von Neubau, Thomas Blimlinger (Grüne), der selbst in der Stollgasse wohnt. "Die Stollgasse ist eine der Verkehrsstraßen stadtauswärts", sagt Blimlinger. Mittlerweile habe sich das Verkehrsaufkommen aber wieder eingependelt. "Bis Oktober war es aber furchtbar."

Verkehrstechnisch war die Stollgasse auch schon in der Vergangenheit ein Problem, schildert Sigrid L. Als vor zwanzig Jahren die U-Bahn gebaut wurde und die Mariahilfer Straße für diese Zeit gesperrt war, wurde der gesamte Verkehr zweispurig durch die Linden- und die Stollgasse stadtauswärts geführt. "Die Anrainer haben Angst, dass es dieses Mal wieder einen solchen Dauerzustand geben könnte", sagt Blimlinger. Er hat den Anrainern einen Brief geschrieben, um ihnen zu versichern, dass sich die Situation mit der Zeit entspannen werde. "Und ich habe auch recht bekommen."

Sollte die Befragung zugunsten der verkehrsberuhigten Mariahilfer Straße ausgehen und der Verkehr in der Stollgasse wieder steigen, werde man sich aber weitere Maßnahmen überlegen. Für den Fall, dass es danach wieder Querungen gibt, glaubt er aber ohnehin an eine Entlastung der Stollgasse. (Elisabeth Mittendorfer, derStandard.at, 24.2.2014)

* Namen der Redaktion bekannt


  • In der Stollgasse in Wien-Neubau ist man zwiegespalten.
    foto: thomas ledl/wikimedia (CC-Lizenz)

    In der Stollgasse in Wien-Neubau ist man zwiegespalten.

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