Selbst Che Guevara mochte Goethe

25. August 2003, 19:17
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Anmerkungen eines Bildungsbürgers zur Kultursituation in Österreich - von Günther Fink

Goethe war ein Lieblingsdichter von Marx und Engels. Auch Che Guevara mochte Goethe. Aber unser Burgtheater brachte Goethes Faust schon jahrzehntelang nicht zur Aufführung. Nicht 1982, im Jahr seines 200. Todestages. Auch nicht 1999 zu seinem 250. Geburtstag. Das machte in Paris die Comédie Fran¸caise. Wien importierte Steins Inszenierung.

Hölderlin in Frankreich als "po`ete des po`etes". Christine Lavant von Thomas Bernhard hochgeschätzt. Welche Ränge aber nehmen Hölderlin und Lavant bei uns ein?

Wie sehr wurde Schopenhauer von Kierkegaard, Tolstoi, Maupassant, Proust, Kafka, Tucholsky, Borges ... gelobt. Und welchen Stellenwert hat er in Österreich?

Oder Tucholsky (aus einem Brief in verballhornter Sprache): "Habe dafor auch den ganzen ,Don Carlos' geläsen und finde ihn herrlich (...) Mensch, sind das Verse! Ja, so mecht man." An anderer Stelle aber über seinen Zeitgenossen André Gide: "Ich finde überhaupt, dass die Gattung Schriftsteller, die da als ,internationale Größen' ausgeschrien werden, wenig erfreulich ist. Blass, leer - Leute dritten Ranges (...) ich mag das gar nicht und lese es auch nicht."

Jahrzehnte später sagte Ernest Hemingway, er wisse nur eines sicher: Die nächste Sintflut komme in Papier.

Wie würden Tucholsky und Hemingway über das bei uns öffentlich Gelesene urteilen? Man blättere die Programme vergangener Jahre zurück und subsumiere sie unter die von Voltaire, Goethe, Schiller ... für die notwendige Auswahl geschriebenen Leitlinien. Hier nochmals nur diese Worte Kafkas: "Das Alte kehrt seinen innersten Wert nach außen - die Dauerhaftigkeit."

Was lesen eigentlich unsere Universitätsmathematiker, -physiker, -chemiker ...? Unsere Politologen, Soziologen, Philosophen stört es nicht, dass das Burgtheater auch Shakespeares "Julius Cäsar" schon jahrzehntelang nicht spielte? Sie kamen nie auf den Gedanken, in aller Öffentlichkeit anzuregen, dort aus Rousseaus "Gesellschaftsvertrag" oder aus Alexis de Tocquevilles großem Buch "Über die Demokratie in Amerika" vorzulesen?

Man muss Wendelin Schmidt-Dengler, den Vorstand des Germanisten Institutes der Universität Wien, als Präsentator oder Moderator literarischer Lesungen erlebt haben - in fataler Weise an Schopenhauers Worte erinnernd: "So treibt es nur die Absicht und so loben (...) verschworene literarische Rottierer." Was bedeuten unseren Romanisten, Anglisten, Amerikanisten, Slavisten ... die Werke von Cervantes, Stendhal, Flaubert, Dickens, Dostojewski, Tolstoi, Hamsun, Faulkner, Hemingway, Dos Passos? Keiner dieser Universitätsprofessoren protestierte öffentlich gegen die Literaturprogramme von Ö1. Man stelle sich dazu vor, Ö1 und unsere Konzertsäle hätten in den vergangenen Jahrzehnten aus ihren Musikprogrammen Bach, Vivaldi, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Mendelssohn-Bartholdy, Wagner, Verdi, Tschaikowsky, Dvorák, Mahler, die Sträuße ... fast eliminiert.

Sind das ungeheuerliche Angriffe? Rundumschläge eines Verrückten? Oder notwendige Erinnerungen und begründete Fragen?

Die Frankfurter Allgemeine (31. 1. 2003) brachte eine schonungslose Kritik an Marlene Streeruwitz' "Tagebuch der Gegenwart". In Paris las Gérard Depardieu fast zur gleichen Zeit an einem regnerischen Sonntagnachmittag Augustinus für 3000 Zuhörer in und vor Notre Dame.

Wir übernahmen Depardieus Lesung. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.8.2003)

Günther Fink arbeitet als Generalist in Wien.
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