Der furchtbar leise Theaterwilde:
Michael Thalheimer

19. August 2003, 00:37
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Stilprägender Regisseur sorgt für einen kleinen Festspielskandal

Man hat der deutschsprachigen Regiegeneration der heute unter 40-Jährigen schon allerlei Kränkendes nachgesagt: Sie zehre bloß von den ästhetischen Aufbrüchen und Wagnissen ihrer Väter. Sie verwahrlose die Bühnenkünste mit ihrem unbezwingbaren Drang nach Spaß und Kurzweil. Und sie verhacke die ehrwürdigen Stücke der Klassiker in lauter klitzekleine Reclam-Späne.

Der 1965 in Münster nahe Frankfurt am Main geborene und heute in Berlin ansässige Michael Thalheimer, ein introvertierter Brillenträger, hat die wichtigsten Stadttheater - darunter das Thalia Theater Hamburg, das Deutsche Theater in Berlin, das Frankfurter Schauspiel - mit leisem Nachdruck im Sturm genommen: indem er die nüchterne Trauer über menschliche Sinnverluste in einer unübersichtlichen Hochleistungsgesellschaft in hochkomprimierte Theaterabende packte - deren jüngster, Georg Büchners "Woyzeck", nun sogar zum kleinen Salzburger Festspielskandal gedieh. Ob der fünf im Vergleich zur Literaturvorlage zu viel herumliegenden Toten am blutigen Ende des Stückes bedankte sich ein brüskierter Teil des Salzburger Festspielpublikums beim Regisseur mit Buhrufen und kommentierte Thalheimers Inszenierung unreflektiert mit "Scheiße".

Schwer zu sagen, woher Thalheimer sein traumsicheres Gespür für menschliche Bankrotterklärungen hernimmt. Wie er die Wund- und Schmerzstellen "klassischer" Figuren in ein heutiges Licht zerrt - und die Postmoderne-Verlierer unserer Tage gegen Schachtelwände seines kongenialen Bühnenbildners Olaf Altmann ohrenbetäubend krachen lässt. Seinen ersten Theaterskandal provozierte er im Dezember 2000 mit der Aufführung von Franz Molnárs "Liliom" am Thalia Theater. Anstelle des erwarteten poetischen Zauberstücks über einen Schausteller aus der Vorstadt zeigte Thalheimer seinen "Liliom" als kalte aktuelle deutsche Fallstudie.

Michael Thalheimer, ein studierter Schlagzeuger und Vater eines heute schulpflichtigen Sohnes, absolvierte 1989 eine Schauspielhochschule im schweizerischen Bern und arbeitete in den Folgejahren als Mime. Sein Regiedebüt feierte er 1997 in Chemnitz. Mit einem selten gespielten Stück von Fernando Arrabal.

Mit den nächsten Inszenierungen begann der maßvolle Liebhaber des heimatlichen "Äppelwois" schließlich seinen unverwechselbaren Personalstil auszuarbeiten: gleichsam rituelle Verdichtungen einer aus allen Fugen geratenen Welt.

Der bereits vielfach ausgezeichnete Thalheimer, der sich selbst als zurückgezogenen Arbeiter beschreibt, scheint indes nicht gleich die ganze Schöpfung verworfen zu haben. In seiner Freizeit hegt der Museumsbesucher ein reges Interesse für urzeitliche Echsen. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.8.2003)

Von Ronald Pohl
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