Mitarbeiter raus, Leiharbeiter rein

21. August 2003, 19:48
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Die Personalpolitik bei Siemens ist umstritten

Wien - 100 Kündigungen gab es im Frühjahr bei Siemens im Elektronikwerk Wien (EWW), nebst 100 einvernehmlichen Auflösungen von Dienstverhältnissen - anders sei der Betrieb nicht aufrechtzuerhalten, hieß es damals.

200 Betroffene

Inzwischen sind die 200 Betroffenen bereits nicht mehr bei Siemens tätig; für die hundert Gekündigten wurde ein betrieblicher Sozialplan ausgearbeitet und eine Arbeitsstiftung beim Wiener ArbeitnehmerInnen-Förderungsfonds (Waff) eingerichtet, die unter erheblichen Zuschüssen der öffentlichen Hand (vornehmlich aus der Arbeitslosenversicherung, zum Teil aber auch aus den Waff-Mitteln) die Umschulung der hundert Leute finanziert.

In dieser Situation sorgt es bei der (verbliebenen) Belegschaft nicht unbedingt für Hochstimmung, dass in den letzten Wochen 78 "temporäre" Mitarbeiter im EWW eingeschult wurden - 58 Leiharbeitskräfte und 20 ausgelernte Lehrlinge, bei denen die Behaltefrist noch nicht abgelaufen ist, wie DER STANDARD aus Betriebsratskreisen erfuhr. "Eine Konterkarierung des Sozialplanes", grollt ein Siemens-Mitarbeiter.

"Bedarfsspitze"

Konzernsprecher Peter Baumgartner sowie der EWW-Betriebsrat versichern unisono, es handle sich nur um eine "Bedarfsspitze" beziehungsweise die "Überbrückung der Urlaubszeit": Schon Ende September werde keiner der Leiharbeiter und Exlehrlinge mehr im Haus sein.

Das freilich will in der Belegschaft nicht jeder glauben: 78 Leute für nur zwei Monate einzuschulen sei betriebswirtschaftlich glatt unvernünftig - man müsse also davon ausgehen, dass künftig immer wieder "Bedarfsspitzen" entstehen und so die "Neuen" regelmäßig wiederkommen würden.

Option auf mehr

Tatsächlich bestätigt der Geschäftsführer einer der beauftragten Leiharbeitsfirmen dem STANDARD, sein Unternehmen habe die "Option" auf eine dauerhaftere Zusammenarbeit mit dem EWW.

Beim Waff macht man sich keine Gedanken darüber, ob die öffentlichen Gelder in der Siemens-Arbeitsstiftung gut investiert seien: Durch die enge Einbindung der Arbeitnehmervertreter in die Durchführung von Sozialplänen könne man sich darauf verlassen, so Waff-Geschäftsführer Alexander Juen, dass der Betriebsrat in solchen Fällen wachsam sei: "Ein starker Betriebsrat wie bei Siemens würde doch einem Austausch von Dienstnehmern gegen Leihpersonal nie zustimmen."

Dass allerdings die EWW-Beschäftigten von der Strategie ihrer gewählten Vertreter zur Rettung des Werkes "nicht sehr überzeugt" sind, soll einer der leitenden Betriebsräte kürzlich intern selbst zugegeben haben. (Robert Schlesinger, DER STANDARD Print-Ausgabe, 18.8.2003)

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