Erst vorsorgen, dann untersuchen

26. August 2003, 18:01
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Politik, die Gesundheit fördern will, muss die sozialen Lebensbedingungen verbessern - von Lisa Nimmervoll

Der Name sollte Programm sein: Vorsorgeuntersuchung. Vor der Untersuchung steht die Vorsorge. Und die beginnt schon viel früher - außerhalb der Arztpraxis. Sollte sie zumindest. Genau an diesem Punkt hakt der Plan von Gesundheitsstaatssekretär Reinhart Waneck, mehr Leute zur Gesundenuntersuchung zu bringen. Er will nämlich der, so Wanecks Befund, "antiquierten" Vorsorgeuntersuchung eine Frischzellenkur verabreichen und den Vorsorgewilligen ein breiteres, moderneres Spektrum medizinisch-technischer Tests zuteil werden lassen.

Dazu müssten sie aber erst einmal in die Ordination kommen. Und das ist das Problem an der Sache: Derzeit nimmt nur etwas mehr als ein Zehntel der über 19-Jährigen das Angebot eines jährlichen Checks beim Arzt in Anspruch. Und die meisten von ihnen sind sowieso bereits in ärztlicher Behandlung, zeigt eine Erhebung der Oberösterreichischen Gebietskrankenkasse. Der große Rest geht nicht prophylaktisch zum Arzt, sondern hofft, dass nix passiert.

Die Gründe sind vielfältig: Unwissenheit, Ignoranz oder schlicht Angst vor der Diagnose - die sie keinen Cent kosten würde, aber ihr Leben retten könnte. Das Finanzargument kann es also nicht sein, das an den niedrigen Teilnahmeraten schuld ist.

Die Lösung der Misere können daher nicht noch mehr, bessere und teurere Untersuchungen sein, die dann sowieso nicht konsumiert werden. Das sollte der Arzt Waneck wissen. Genauso wie ihm als ausgebildetem Mediziner bekannt sein muss, dass die meisten Krankheiten am besten in Schach gehalten werden, indem sie erst gar nicht ausbrechen, man ihnen also vorbeugt, anstatt sie später heilen zu wollen.

Nicht nur weil es die Lebensqualität der Betroffenen steigert, sondern - das sollte den Gesundheitsstaatssekretär interessieren - weil Gesunde schlicht und ergreifend billiger sind für die soziale Krankenversicherung als Kranke.

Krankheit ist heute in den wenigsten Fällen eine schicksalhafte Fügung, die aus heiterem Himmel über einen hereinbricht. Internationale Studien belegen, dass erworbene und chronische Krankheiten nur zu etwa zwanzig Prozent von medizinischen Gründen im engsten Wortsinn verursacht sind. Mehr als 80 Prozent der krankheitsauslösenden Faktoren liegen im sozialen Umfeld der Patienten. Das sind Wohn- und Arbeitsverhältnisse, Bildungschancen, Umweltfaktoren und allgemeine Teilhabechancen am sozial-kulturellen Leben.

So zeigen amerikanische Studien, dass es einen viel engeren Zusammenhang zwischen Herzinfarkten und dem sozioökonomischen Status inklusive Bildungsniveau der Patienten gibt als zu den bekannten Risikofaktoren Bluthochdruck, Cholesterin oder Rauchen. 16 Prozent der elf-bis 15-jährigen Kinder aus der unteren Sozialschicht haben einen schlechten Allgemeingesundheitszustand, in der obersten ist es ein Prozent.

Hier muss eine verantwortungsbewusste und vorausschauende Gesundheitspolitik ansetzen. Das setzt eine grundlegende Neudefinition von Gesundheitspolitik voraus - als klassische Querschnittsmaterie, als Gesellschaftspolitik. Denn wer den Gesundheitszustand der breiten Masse verbessern - und damit die Kosten für die Krankenversicherung senken - will, muss die Lebensbedingungen für die, die sozial benachteiligt sind, verbessern. Muss Bewusstsein schaffen bei den potenziellen Patienten, dass Vorsorge ein Gesundheitswert an sich ist.

Vorsorge bedeutet Fürsorge für sich selbst - also "Selbstsorge" im Sinne des französischen Philosophen Michel Foucault. Das erfordert Lebens- und Problembewältigungskompetenzen - die aber sozial ungleich verteilt sind. Doch genau das ist das Feld, auf dem Gesundheitspolitik agieren muss: Die Noch-Gesunden müssen zu einem eigenverantwortlichen, fürsorglichen Umgang mit sich selbst und der eigenen Gesundheit "ermächtigt" werden - durch Bildung und Aufklärung: Selbstsorge als Vorsorge. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.8.2003)

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