Kein Zauber gegen alltägliche Widrigkeiten

20. August 2003, 20:47
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Höhepunkte des Filmfestivals von Locarno

Dass es "bigger than life" sei, attestiert man dem Kino gerne. Dabei hält das Leben Geschichten parat, die, wären sie erfunden, jeder als albern und überzogen bezeichnen würde. Capturing the Friedmans, ein Dokumentarfilm des US-Regisseurs Andrew Jarecki, in Locarno auf einer Nebenschiene, ist so eine Arbeit, in der Fakten, Meinungen und Ansichten allmählich einen gordischen Knoten ergeben.

Das FBI beginnt gegen Andrew Friedman, wohlanständiger Lehrer und Oberhaupt einer Mittelschichtsfamilie, wohnhaft in Great Neck, zu ermitteln. Der Verdacht: Pädophilie. Eine Lawine setzt sich in Gang, und am Ende sitzen Vater und Sohn, die sich beide sexueller Übergriffe schuldig bekannt haben, im Gefängnis.

Capturing the Friedmans rollt den Fall neu auf. Er greift dabei auf das umfassende Filmmaterial der Familie zurück, sucht Widersprüche zwischen Opfern und mutmaßlichen Tätern. Wobei es hier keine Wahrheit zu entdecken gibt, denn Jarecki erzählt stets auch von der Konstruktion (unvereinbarer) Wirklichkeiten. Von Solidarisierungsprozessen, vor denen Institutionen wie die Justiz letztlich resignieren müssen.

Derart kontroversielle Filme waren heuer in Locarno in der Minderheit. Vor allem der Wettbewerb schien von einer Unsicherheit ergriffen, das Thema der sozialen Vereinsamung war besonders präsent: Das begann schon mit Barbara Alberts viel diskutiertem Böse Zellen, der bei der Preisverleihung leer ausging. Es setzte sich fort mit zwei der gelungensten Arbeiten, Los guantes
mágicos
vom Argentinier Martin Rejtman und dem Debüt des Kasachen Nariman Turebayev, Malen'kie ljudi.

Beide Filme bändigen die Not ihrer Figuren durch komische Lakonie: In Los guantes mágicos streift ein Taxifahrer durch Buenos Aires, die Existenzen, mit denen er für kurze Zeit verkehrt, sind Pornodarsteller, erfolglose Musiker, Verlierer allesamt. Ähnlich wie bei Aki Kaurismäki, einem anderen melancholischen Melodramatiker, ist die Kauzigkeit der Figuren kein Selbstzweck, sondern eine verzweifelte Haltung gegenüber den Widrigkeiten der Gegenwart.

Hoffen hier die Protagonisten mit "magischen Handschuhen" - so der Titel - zu Geld zu kommen, verdingen sich die zwei jungen Männer in Malen'kie ljudi (dt.: kleine Leute) als Straßenverkäufer, wo der nur Erfolg hat, der für seinen Kunden kein Mitgefühl hegt. Auch bei Turebayev, der in statischen Einstellungen filmt und nicht mit knappem Wortwitz spart, fehlt jede Perspektive auf Veränderung: Nur die Plattenbauwohnung der beiden Freunde, in der sich popkulturelle Zeichen und grelle Farben entdecken lassen, zeigt die Richtung ihrer Sehnsucht an.

Mönchisches Leben

Ungewohntes sah man hingegen vom Koreaner Kim Ki-Duk (The Isle), bis zuletzt einer der Favoriten: Bom, Yeoreum, Gaeul, Gyeowool, Geurigo, Bom führt zyklisch durch die Lebensabschnitte eines zen-buddhistischen Mönchs auf einer kleinen Insel an einem See. Die sonstige Suche Kims nach der harschen Natur im Menschen wird hier in eine simple - gleichwohl ästhetisch beeindruckende - spirituelle Parabel überführt, von der man nie genau wusste, wie viel darin Kalkül ist.

Die Jury-Entscheidungen fielen - und das hat in Locarno schon Tradition - unerwartet aus: Den Goldenen Leoparden erhielt der pakistanische Film Khanosh Pani von Sabiha Sumar, der die Islamisierung des Landes anhand eines Mutter-Sohn-Dramas entwirft - ein eher politisch korrektes Urteil. Der Preis der Jury ging an die rumänische Arbeit Maria, Silberne Leoparden gewannen das epigonale US-Teenagerdrama Thirteen und die harmlos-skurrile bosnische Komödie Gori Vatra. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.8.2003)

Von Dominik Kamalzadeh aus Locarno
  • "Capturing the Friedmans"
    foto: festival locarno

    "Capturing the Friedmans"

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