Entzückende Seitenwege des Pianistischen

17. August 2003, 22:53
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Alfred Brendel in Salzburg mit kleinen und großen "Bagatellen"

Salzburg - Man möchte jenen Konzertveranstalter beobachten, dem ein junger, heranreifender Pianist ein Programm nach Alters- und Berühmtheitsmaßgabe à la Alfred Brendel zu offerieren wagt! Ausgewählte "Bagatellen" aus allen drei Schaffensperioden von Beethoven (als Einspielstücke immerhin noch toleriert!), im Folgenden die beiden - als Klavierstundenlektüre verkannten! - Rondos op. 51, von denen das zweite unverdienterweise im unschuldigen Schatten der C-Dur-Artigkeit Nr. 1 steht.

Immerhin: vor der Pause Mozarts A-Dur-Sonate mit dem "Türkischen Marsch" als klassisch-folkloristischem Rausschmeißer in die Salzburger Mittagssonne. Und dann nach der erwärmenden Erholung die zwei überkommenen Sätze von Schuberts nicht eben gemütlicher C-Dur-Sonate (D 840) und schließlich: Beethovens selten, wenn überhaupt sehr hektisch, weniger geprobt kredenzte B-Dur-Sonate op. 22 - in der Dramaturgie Brendels als eine Art Gegen-"Appassionata" verfochten.

Dies ganz im Sinne seiner Haydn-Ambitionen verstanden, nämlich dem Publikum zu zeigen, wie lebhaft man sich auch dem vermeintlich weniger Attraktiven widmen kann (um ihm am Ende eines offiziellen Klavierlektorats den längst verdienten Status des doch Bedeutenden zurückzugeben).

So und nicht anders wollte es Alfred Brendel - und die Musikfreunde im ausverkauften Großen Festspielhaus folgten ihm weitgehend mit ausgeschalteten Handys, mit ungehüsteltem Vertrauen auf den skizzierten Seitenwegen des Kleinformatigen, mochten gestaunt haben ob der Beethovenschen Bonsai-Bizarrerie, ob der wundersamen Melodie-Adrettheit im Mittelteil des raren G-Dur-Rondos op. 51,2.

Mozarts A-Dur-Sonate (mit einem individuellen Wiederholungskonzept im ersten Satz) ertönte unter Brendels Regie als Beglückung im Zeichen einer herbstlich gefärbten Virtuosität des singenden wie schwingenden Tons, im türkischen Teil unter Vermeidung fast jeder Extravaganz, wie sie die jüngeren Klavierkollegen bis hin zu paraphrasierenden Experimenten riskieren.

Von einem Künstler, der sich schreibend und erzählend so humorvoll, so hinterlistig zu geben weiß, würde man an dieser Stelle etwas Würzigers, Theatralischeres erwarten. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.8.2003)

Von Peter Cossé
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