Pelinka: Dominanz der ÖVP wird sich noch vergrößern

18. August 2003, 19:50
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Kritik an "insularem Politikverhalten" Tirols im Transitstreit

Alpbach - Die Dominanz der ÖVP in Tirol wird sich bei den nächsten Landtagswahlen tendenziell noch vergrößern. Davon geht zumindest der Innsbrucker Politologe Anton Pelinka aus. Tirol sei das einzige Land Österreichs, in dem die stärkste Partei mehr als 20 Prozent - bei den letzten Landtagswahlen sogar mehr als 25 Prozent - vor der zweitstärksten Parteien liegt. An dieser Dominanz einer einzigen Partei werde sich auch bei den Wahlen am 28. September nichts ändern. "Wahrscheinlich" werde der Abstand sogar noch größer werden, sagte Pelinka am Sonntag am Tiroltag des Europäischen Forum Alpbach bei einer Podiumsdiskussion.

Diese Vorherrschaft einer konservativen Partei sei "eine Tiroler Besonderheit". Den Erfolg der Tiroler ÖVP führt er zum einem Großteil auf das "insulare Politikverhalten" in Tirol zurück.

Deutlich macht er dies etwa am Beispiel des Transitstreits. Die Tiroler Landesregierung stelle ausschließlich "trotzige Forderungen". Wenn diese dann nicht erfüllt würden, antworte man nur mit "moralischen Verurteilungen" gegen die EU-Kommission, den EuGH oder die Frachtunternehmer - aber nur ausländische. Nicht angesprochen würden mögliche Bündnisse mit anderen Alpenländern wie Bayern und Südtirol, die Mitentsprachemöglichkeit Österreichs im EU-Rat und im EU-Parlament oder dei Einflussmöglichkeiten über den Ausschuss der Regionen, kritisiert Pelinka.

Tatsächlich stünde das Tiroler Wahlverhalten in klarer Dissonanz der Entwicklung der Gesellschaft. Tirol sei "gar nicht so viel anders, wie die meisten Tiroler glauben wollen". "In Wirklichkeit hat sich Tirol von Blasmusik und Schützen schon weit entfernt", meint Pelinka.

Die Tiroler Gesellschaft habe sich klar von der reinen Agrar-Struktur abgewandt. Das Land sei geprägt durch Urbanität, fast 50 Prozent der Bevölkerung lebe im Großraum Innsbruck. Die Zahl derer, die noch zur Sonntagsmesse gingen, habe sich binnen einer Generation halbiert. Die Zahl der Tiroler Priesteranwärter gehe gegen Null.

Erklärbar sei diese Dissonanz lediglich aus dem traditionellen Selbstbild der Tiroler. Der "Homo Tirolensis" wolle vermitteln, dass er "etwas ganz besonders und vor allem ganz besonders liebenswürdig" sei. Ziel sei es, andere glauben zu lassen, dass Tirol ein Hort der Konservativen sei.

Offensichtlich könnten die Tiroler mit diesem Widerspruch leben. "Wenn der Graben zwischen Selbstbild und Wirklichkeit aber zu groß wird, könnte am Ende der Kontinuität auch der Bruch stehen", meint Pelinka. (APA)

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