Nicht wirklich reich - noch nicht ganz arm

20. August 2003, 19:40
1 Posting

Wechselhäufigkeit von Unterwäsche als Maß für Bedürftigkeit - Versuch einer angemessenen Analyse

Frau L. geht es nicht gut - in vielerlei Hinsicht. Sie hat seit Monaten große Schmerzen in der Hüfte und kann kaum gehen. Nach 28 Jahren Ehe ist ihr Mann einfach fortgegangen. Frau L. hat die Kinder großgezogen und den Haushalt gemanagt. Mit dem geringen Einkommen aus ihrem Teilzeitjob kann sie sich selbst und ihre vier Kinder mehr schlecht als recht durchs Leben bringen. Freundinnen haben ihr geraten, das Sozialamt aufzusuchen. Wer sonst hätte Anspruch auf Hilfe, wenn nicht sie, haben sie wohlwollend gemeint.

Auf einem Wiener Sozialamt erfährt Frau L., sie müsse ihre Lebensversicherung kündigen, sonst sei sie nicht "bedürftig". Auch Autobesitz ist tabu für den Empfang von sozialer Hilfe. Dieser "Luxus", der von den Sozialämtern als "nicht überlebensnotwendig" eingestuft wird, steht Bedürftigen von Sozialhilfegeldern einfach nicht mehr zu. Weil nur "gar nichts mehr haben" auch wirklich "alles bedürfen" heißt, sagen die Sozialhilfegewährer. Den Leistungsbezieher zum rechtlosen, passiven Almosenempfänger zu stigmatisieren ist ein Maß mit eingebauter Sogwirkung nach unten - eine institutionalisierte Armutsspirale, sagen die Sozialhelfer.

Armut rein als Mangel an Gütern zu definieren ist zu wenig. Es gehe um "die Fähigkeit, diese Güter in Freiheiten umzuwandeln", argumentiert Amartya Sen, Wirtschaftsforscher und für seine Arbeiten zur Armutsbekämpfung mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Und zwar in Freiheiten von Menschen, ihre Vorstellungen von einem guten Leben zu verwirklichen. Entscheidend für die Definition von Armut ist nicht das Geld allein, sondern es sind die Lebensumstände. Armut heißt nicht nur ein zu geringes Einkommen zu haben, sondern bedeutet einen Mangel an Möglichkeiten, um in den zentralen gesellschaftlichen Bereichen in einem Mindestmaß teilhaben zu können: Wohnen, Gesundheit, Arbeitsmarkt, Sozialkontakte, Bildung. Armut ist ein Mangel an Verwirklichungschancen eines Menschen, ein Verlust an substanziellen Freiheiten.

In Österreich wird Armut zum einen über das Einkommen (weniger als 60 Prozent des Median-Pro-Kopf-Haushaltseinkommens, das sind € 780,-) und zum anderen über folgende soziale Mangelindikatoren definiert: 1.) Bewohnen von Substandard- oder überbelegten Wohnungen, 2) finanzielle Nöte beim Heizen, der Beschaffung von Bekleidung oder beim Kauf von Lebensmitteln, 3.) keine Möglichkeit, mindestens einmal im Monat Gäste nach Hause einzuladen und 4.) Rückstände bei Zahlungen von Mieten und Krediten.

Maß für die Auszahlung von Sozialhilfegeldern ist beweisbare Bedürftigkeit. Auf der Suche nach der Angemessenheit von Hilfe wurde vielerorts ein Arsenal an Kontrollinstrumenten errichtet.

So hatte in Deutschland 1997 der damalige Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) die Idee, "Unterwäschewechselhäufigkeit" als das Maß aller Dinge heranzuziehen. Seehofer, damals Empfänger monatlicher Bezüge von rund 25.000,- DM, wollte damit regeln, wie viele Unterhosen Sozialhilfeempfänger (monatliche Bezüge: 525,- DM) besitzen dürfen, um einen Wäschezuschuss zum Kauf von neuer Unterwäsche bewilligt zu bekommen, also wirklich als unterwäschebedürftig einzustufen sind (Quelle: Thomas Gerlach, Kritischer Psychologe, Uni Bremen, Schriftenreihe: Denkgifte).

Wir haben beim Chef der Industriellenvereinigung, beim Finanz- und Sozialminister und bei Abgeordneten der Parlamentsparteien nachgefragt, wie viele Unterhosen sie besitzen. Antworten gibt es keine. Ist ja auch irgendwie peinlich, oder?

Dazu Wirtschaftsforscher Amartya Sen: "Jedes Verteilungssystem, welches Personen voraussetzt, die als arm definiert sind, tendiert dazu, Einfluss auf die Selbstachtung und Fremdeinschätzung der abhängigen Person zu nehmen." Bedürftigkeit bildet den Bogen und gibt ihm die Spannkraft, ihr Pfeil aber ist die "Treffsicherheit". "Targeting" ist der operative Arm der Bedürftigkeit. "Der Vergleich mit einer Zielscheibe sieht den Leistungsbezieher in keiner Weise als aktive Person, die für sich selbst sorgt, handelt und tätig ist", so Sen. "Das Bild verweist eher auf einen Almosenempfänger." Die Treffsicherheitsdebatte samt ihrem beherrschenden Maß der Bedürftigkeit verwandelt BürgerInnen mit sozialen Rechten in bittstellende Untertanen.

Dahinter verbirgt sich die Frage: Was steht wem zu? Diese Frage wird diskursiv geklärt. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts market vertritt das Gros der österreichischen Bevölkerung die Meinung, dass zwei Gesellschaftsgruppen "zu viel kosten" und "übertriebene Privilegien" haben: "Ausländer" und "Arbeitslose". Hingegen werden "Behinderte, Familien und Pensionisten" als am wenigsten bevorzugt und am wenigsten kostenintensiv genannt. Die objektive Situation ist aber gerade umgekehrt: Die meisten Ausgaben gehen vergleichsweise ins Pensionssystem, die Familienförderung und in Behinderten- wie Pflegearbeit. Dagegen weisen die aktuellen Armutsstatistiken Zuwanderer und (Langzeit-)Arbeitslose als am stärksten von sozialer Ausgrenzung bedroht aus. MigrantInnen haben insgesamt weit weniger Rechte als österreichische Staatsbürger.

Aus weiteren Untersuchungen wissen wir, dass HilfsarbeiterInnen sich selbst auf einer gesamtgesellschaftlichen Einkommensgeraden fast in der Mitte einordnen. Diese Fehleinschätzung der eigenen sozialen Situation ist beachtlich. Auch umgekehrt tendieren die BestverdienerInnen dazu, ihre Einkommensposition im Verhältnis zur Gesamtgesellschaft stark zu unterschätzen. Die Reichen sehen sich als "Nicht-wirklich-Reiche".

"Nicht-Reiche" sehen sich als "Noch-nicht-Reiche". Sich in den Augen der anderen als "Loser" präsentieren zu müssen, darauf haben besonders diejenigen, die von sozialem Absturz bedroht sind, keine Lust. Scham ist ein Indikator für die Schwelle, an der sich "etwas aufhört". Wenn das eigene Ansehen bedroht ist, fühlen wir Scham. Menschen, die bereits mit dem Rücken zur Wand leben, versuchen, solange es ihnen möglich ist, die Normalität nach außen aufrechtzuerhalten. Die Kinder sollen mit den anderen mitkönnen, die Nachbarn brauchen sich nicht den Mund zu zerreißen. Es ist eine Form der Selbstachtung, ein Selbstschutz, das Gesicht vor den anderen nicht zu verlieren. Diese Scham ist wohl die deutlichste Maßeinheit für die Grenze, an der man drinnen oder draußen vor der Tür steht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16./17. 8. 2003)

Von Martin Schenk und Astrid Kasparek

Martin Schenk ist Sozialexperte der Diakonie und Mitinitiator der Armutskonferenz. Astrid Kasparek ist Öffentlichkeitsarbeiterin der Volkshilfe Beschäftigungsinitiativen (VHBI).
Share if you care.