Das Bewusstsein, dass man weiß, was man isst

15. August 2003, 22:02
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Der Fall des französischen Bauernführers José Bové vs. McDonald's ist zweifellos der spektakulärere - von der Bulldozerattacke über Prozess und Gefängnisaufenthalt bis zum kürzlichen Heldenauftritt in Larzac. Doch eine andere, viel frühere Konfrontation des Fressriesen mit mediterranen Usancen hat mindestens ebenso bedeutende Früchte getragen: die als Gründungslegende von Slow Food bekannte Aktion gegen die Errichtung einer römischen Filiale gleich bei den Spanischen Treppen von Rom.

Es war im Sommer 1986, als eine Gruppe von gleichgesinnten Freunden um den Linksintellektuellen Carlo Petrini an einer großen Tafel einen "Essstreik" durchführten, um damit den Baubeginn zu blockieren. Mc Donald's wächst zwar seither trotzdem, auch in Italien, doch der Gegenanstoß war gegeben. Petrini war bereits in der Gruppe Arcigola engagiert. (Das Wort kommt von ARCI, der der KP nahe stehenden Associazione ricreativa culturale italiana, und gola, ist gleich Gaumen.) Aus dieser Vereinigung, die regionale kulinarische Genüsse förderte, entstand die italienische Antithese zum Fast food. Bezeichnendes Logo: eine Schnecke.

"Alles begann spielerisch", sagt Traxi Jandresits, "und niemand hätte gedacht, welche Eigendynamik die Bewegung werden würde. Es ist ja auch kein Zufall, dass Slow Food heute dort stark ist, wo die großen multinationalen Konzerne sind - quasi als Kontrapunkt." Jandresits stammt aus einem Gasthaus in Reinersdorf im Südburgenland, das ihre Familie seit sieben Generationen führte. Von früh an hat sie interessiert, "was und wie die anderen Menschen im Dorf essen und wie sie leben. Als ich Kind war, hatten Lebensmittel noch ihren Geschmack, z.B. schmeckten Paradeiser noch nach Paradeiser. Damals haben die Familien auch viel mehr selber gekocht, da gab es noch das Essen aller am Tisch. Heute machen sich doch immer weniger Familien die Mühe. Das Wissen um die Saison und Qualität von Lebensmittel ist weitgehend verloren gegangen. Dass aber mein frühes Interesse später so einen beruflichen Stellenwert haben würde, hätte ich nicht geglaubt."

Doch zu Beginn der Neunzigerjahre, im Zuge eines auch geographisch bewegten Lebens - jüngste Friseurmeisterin Österreichs, Kunstausstellungen in ihrem Salon in Graz, Aufenthalte in den USA und der Toskana -, kam sie mit der italienischen Bewegung in Kontakt und lernte schnell die Idee schätzen, dass Menschen sich zusammenschlossen, um das Recht auf Genuss zu verteidigen. Inzwischen ist sie Slow-Food-Gouverneurin von Österreich und führt "Das Kaffeehaus" in Güssing, selbstverständlich mit ausgesuchter regionaler Kost.

Österreich war Gründungsmitglied von Slow Food International im piemontesischen Ort Bra. Die Mitgliederzahl wächst langsam, aber stetig (siehe Kasten). Jandresits findet, dass in den Convivien, sozusagen den Slow-Food-Bezirken des guten Zusammenlebens, noch viel Potenzial stecke, weil sich immer mehr Menschen fänden, denen Genuss und Lebenskunst ein Anliegen sei. "Diese Menschen sind, so wie ich, vom Slow-Food-Virus infiziert, haben sich dieser Idee verschrieben. Somit wird Slow Food eine Lobby für regionale Spezialitäten, für Produzenten, die Traditionelles noch herstellen, für typische, von der Vergessenheit bedrohte Produkte oder Rezepte. Sie setzen sich für den ehrlichen Geschmack ein, der uns als Kinder noch vertraut war."

Fragt man nach, was mit "ehrlich" genauer gemeint sei, dann kommt das Gespräch wieder auf die Unverfälschtheit der Lebensmittel zurück - eben das beliebte Bild der Paradeiser - und auf die Zeitökonomie: "Gut kochen und gut essen bedeutet immer Zeit haben. Dieser Mangel an Zeit, den wir heute erleben, ist vielfach künstlich erzeugt. Denn es stimmt nicht, dass wir alle drei Fernseher und fünf Autos brauchen. Dieser Mangel an Zeit hat daher auch den Fast-Food-Sektor so stark gemacht. Und letztendlich geht das alles für mich auf Kosten der Lebensqualität und regionaler Identität."

Das Wissen darum drohe verloren zu gehen, konstatiert die Österreich-Chefin des Langsamen Essens, ein Schüler würde heute zum Beispiel Milch nicht unbedingt mit einer Kuh verbinden. Von der Kuh komme für ihn vielleicht noch die Milka-Schokolade (und der Kraft-Jacobs-Suchard-Konzern stellte auch freudig fest, dass für viele Kinder eine Kuh lilafarben ist). Da müsse man gegensteuern. "Slow Food Italien hat vor Jahren begonnen, an Elementarschulen einen Unterricht für Kinder anzubieten. In Programmen namens ,Dire, fare, gustare', also ,Sagen, Tun, Schmecken' werden Kinder mit Genuss und qualitätsvoller Nahrung vertraut gemacht. Sie lernen regionale Spezialitäten wieder Wert zu schätzen. Denn sie sind die Konsumenten von morgen. Diese Programme sind in Italien mittlerweile flächendeckend."

Auch in drei Landkreisen in Deutschland hat man mit diesem Geschmacksreformprogramm begonnen. Jandresits ist natürlich daran interessiert, es in Österreich ebenfalls zu etablieren, was aber die Überwindung etlicher ministerieller Hürden bedeuten würde. Immerhin, ein Schuldirektor in ihrer Umgebung ist bereits interessiert.

Aber, wendet man als skeptischer Großstadtkonsument ein, es gebe doch eine große Mehrheit, denen das alles kein Anliegen ist. "Natürlich", sagt Trixi Jandresits, "viele reden zwar vom guten Essen und Lebensqualität, tun aber nichts dafür. Lebensqualität heißt nicht: ab und zu ein feines Essen, es sollte viel mehr bedeuten: einmal am Tag gut zu essen und zwar im Bewusstsein, dass man weiß, was man isst und von wo es herkommt."

Dennoch, eine Zusatzfrage: Ist es nicht so, dass eine Bewegung wie Slow Food, dieses Bewusstsein um Herkunft und Qualität von Lebensmittel, die ja ihren Preis haben, eine Bewegung für eine kaufkräftige, gebildete Elite ist? Genau das Gegenteil sollte natürlich der Fall sein, antwortet die Gouverneurin. "Aber Tatsache ist, dass es in Österreich, im Unterschied zu Italien, ganz schwierig ist, diese Bewegung wieder an die Basis zu bringen." Den Italienern, glaubt sie, sei hingegen ihre Lebensqualität im Zweifel in Form eines guten Essens mehr wert als das schicke Auto oder die teure Unterhose.

Das mag stimmen, auch wenn es nicht immer den Augenschein hat. Doch es bleibt der Zweifel, ob Familien, die von sagen wir 1200 Euro monatlich leben müssen, die Slow-Food-Philosophie leben können. Das sei sicher für Städter schwieriger, räumt Jandresits ein. Sie selber geht oft in Supermärkte, weil es sie interessiert, was die Leute einkaufen, und das sei teilweise erschütternd. "Dabei gibt es genug Möglichkeiten, mit einfachen, nicht künstlichen Lebensmitteln, die saisonal gekauft werden, diese Prinzipien umzusetzen. Niemand braucht Himbeeren im Jänner. Ich würde mir wünschen, dass mehr Bauern gute Lebensmittel in die Städte liefern, denn Supermärkte sind ja auch nicht so billig, wie man glaubt."

Schließlich kommt die viel gereiste Gouverneurin auf einen Aspekt zu sprechen, der bei einer Vereinigung wie Slow Food nicht zu unterschätzen ist (und auf die ARCI-Wurzeln zurückverweist): die soziale Verbundenheit mit Verteidigern regionaler Ess- und Lebenskunst in andere Teilen der Welt. Sie habe immer in ihrem Leben auf Netzwerke gesetzt und mittlerweile viele Freunde, mit denen sie das Langsame Essen verbindet. Wenn man erst einmal mit diesem Fokus im Kopf reist, stößt man so schnell auf Sympathisanten wie Briefmarkensammler auf Philatelisten-Klubs. Wobei es hilft, dass Slow Food sich auch mit der Weintradition theoretisch und praktisch beschäftigt (und im Verlag Gambero Rosso den populärsten italienischen Weinführer herausbringt; auf deutsch bei Hallwag).
Die eigentliche Frage aber, so Jandresits, sei, wofür wir leben. Die Antwort: "Letztendlich auch dafür, dass man am Ende etwas hat, woran man sich gerne erinnert. Mir würde es nicht genügen, in irgendeinem Heim vor dem Fernseher alt zu werden." []

Redaktionelle Mitarbeit: Michael Freund
Vom 19. bis 22. September veranstaltet Slow Food in Bra ein internationales Symposium zum Thema Käse.
www.slowfood.com

Dass Trixi Jandresits auf Slow Food kam, war kein Zufall. Für den rechten Umgang mit Nahrungsmitteln hatte sie sich immer schon interessiert, der maßvolle Genuss ist ihr Maxime. Claudia Koreimann sprach mit ihr.
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