"Leben mit dem Rücken zur Grenze"

21. August 2003, 20:27
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Görz und Nova Gorica sind seit 1947 durch die italienisch- slowenische Grenze getrennt. Mit der EU-Erweiterung wachsen die beiden zu einer Stadt zusammen. Ein Lokalaugenschein.

Gualtiero Fabris drückt den Fensterladen zur Seite und deutet auf den sonnenbeschienenen Grasrücken neben seinem Haus: "Hier stand kein Grashalm mehr. Es waren bis zu 100 pro Nacht, die da herunterkamen." Das war vor zwei Jahren. Jetzt wächst das Gras wieder üppig auf dem Hang. Das Schlupfloch ist gestopft, die illegalen Einwandererströme haben neue Schleichpfade erschlossen.

Nichts hat das Leben von Gualtiero Fabris tiefer geprägt als die Grenze. Früher hieß er Walter. Früher, das heißt vor jenem schicksalhaften 16. September 1947, als durch den Hof seines Hauses plötzlich eine Staatsgrenze lief. Als zwischen zwei Wohnhäusern Stacheldraht ausgerollt wurde und die Nachbarin über Nacht Jugoslawin geworden war. "Zwischen unseren Balkonen patrouillierten die Grenzer mit Hunden", erinnert sich Fabris. Damals warfen sich die beiden von den Balkonen Schmuggelwaren zu.

Quer durch

"Diese Grenze lief quer durch Familien, durch Gefühle, durch Gärten und Weinberge", versichert die Filmemacherin Nadja Veluscek. Sie lief quer durch den Friedhof von Miren und den Stall des Bauern Staho, der auf bröckelnden Ziegeln noch die weiße Linie zeigt, die das Gebäude in zwei Hälften teilte. Geschichten weiß hier einfach jeder zu erzählen: von den Schüssen an der Grenze, von geschmuggelten Jeans und verstecktem Kaffee, von auseinander gerissenen Familien, die sich heimlich über den Zaun zuwinkten. Doch Legenden und Fakten sind im Grenzland nicht immer leicht zu entflechten.

"Wir müssen", fordert Bürgermeister Vittorio Brancati, "den Blick nach vorne richten, ohne die Vergangenheit zu vergessen." Der schnauzbärtige Katholik aus dem Ulivo-Bündnis deutet auf das grüne Eisengitter vor dem k. u. k. Bahnhof von Görz, auf dem heute Nova Gorica steht. "Der eiserne Vorhang ist verschwunden", sagt er erleichtert. Um das auch optisch zu demonstrieren, wurde letzthin ein Stück Zaun abmontiert und ein Tennisturnier über die Grenze ausgetragen. Die weißen Grundlinien auf dem Asphalt glänzen ebenso frisch wie die verchromten Schrauben, mit denen anschließend das Gitter wieder befestigt wurde. Gewiss, die Grenze an der altösterreichischen Transalpina-Bahn ist durchlässig geworden. Und jene in den Köpfen der Menschen? "Viele haben hier mit dem Rücken zur Grenze gelebt", meint der Görzer Slowene Ales Doktoric, Leiter des Kulturvereins Kinoatelje. "Jetzt entdecken sie, dass Veränderungen anstehen." Bürgermeister Vittorio Brancati will mit Blick auf den EU-Beitritt Sloweniens in zehn Monaten "beide Städte zusammenführen": das 1000-jährige Görz mit seinen 35.000 Einwohnern und das 50-jährige Nova Gorica mit seinen 15.000. "Eine Stadt - zwei Verwaltungen" ist seine Devise. Seine Koalition ist auf die Stimmen der Unione Slovena angewiesen, der Partei der slowenischen Minderheit.

Für Adriano Ritossa, Landessekretär der rechten Alleanza Nazionale, ein Alarmsignal: "Wir misstrauen den Slowenen." Dagegen wertet es Giovanni Busolini als "Makel", dass er nicht Slowenisch spricht. Als Mitglied der italienisch-slowenischen Architektengruppe Medito findet er es beschämend, "dass unsere slowenischen Freunde drüben mit uns Italienisch sprechen müssen." Seine Kollegin Aleksandra Torbica hat wie fast alle Gleichaltrigen Italienisch im Fernsehen gelernt. "Vor allem die Comics haben uns Kinder fasziniert." Dass ihre Sprache, Kultur, und Geschichte verschieden sind, "macht den Reiz der Begegnung aus", findet die junge Architektin aus Nova Gorica. Das Studio Medito liegt nahe an der Grenze. Was liegt nicht an der Grenze hier in Görz? Von den Warnschildern "confine di stato" bröckelt der Rost. Früher war hier Stacheldraht zu überwinden. Heute sind Berührungsängste, Klischees, Vorurteile und der Ballast der Geschichte abzubauen.

Rosige Aussichten

Rosa sieht Bürgermeister Brancati die Zukunft. Seine Wunschliste ist lang: von der gemeinsamen Kläranlage zum einheitlichen Theaterabonnement. Der Stadtrat für Gesundheit, Silvano Ceccotti, wertet seine Aufgabe pragmatisch. Aus dem Fenster des Krankenhauses von Görz deutet er auf das nur 300 Meter entfernte Spital von Nova Gorica. "Teure Geräte müssen gemeinsam angeschafft werden. Es wäre absurd, in Zukunft alle Abteilungen doppelt zu führen." Das sieht auch Mirko Brulc so. Das Büro des Bürgermeisters von Nova Gorica liegt hinter einer Fassade mit bronzenen Tito-Kämpfern. Brulc gehört der ungarischen Minderheit an. "Sechs Kommissionen bereiten den Weg in die Gemeinsamkeit vor", versichert er zufrieden. "Vom städtischen Nahverkehr bis zur gemeinsamen Fremdenverkehrswerbung."

Vor dem neuen Casinó von Nova Gorica parken Nobelkarossen mit italienischen Kennzeichen. Wächst jetzt zusammen, was zusammengehört? "Ich hoffe es", sagt der Görzer Verleger Giorgio Ossola, der in Triest geboren wurde und früher Beindl hieß. Und die anachronistisch anmutenden Genzübergänge in der Stadt? Die werden erst beseitigt, wenn Slowenien in drei Jahren dem Abkommen von Schengen beitritt. Dann wird auch das graue Zollhaus in der Via San Gabriele verschwinden, in dem der italienische Zöllner die Passierscheine kontrolliert. 20-mal täglich donnert die slowenische Eisenbahn an seinem Grenzerhäuschen vorbei. Wohin sie fährt? "Ich weiß es nicht", gesteht er ratlos. Seine Welt endet am Schlagbaum. (Gerhard Mumelter/DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.8.2003)

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