Stromlose Blamage - Von Gerhard Plott

25. August 2003, 18:18
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Es dauerte nicht ganz drei Minuten, um große Teile der US-Ostküste nachhaltig lahm zu legen

Es dauerte nicht ganz drei Minuten, um große Teile der US-Ostküste nachhaltig lahm zu legen, aber es brauchte länger als einen Tag, um das Stromnetz wieder in Gang zu bringen. Gemeinhin wird so etwas eine blamable Unfähigkeit genannt, gerade wenn dies der technologischen Supermacht USA passiert. Bill Richardson, Energieminister unter Bill Clinton und heute Gouverneur des Staates New Mexico, brachte es exakt auf den Punkt: Die USA seien eine bedeutende Supermacht mit einem Stromnetz der Dritten Welt. Auch das quälend lange Suchen nach der eigentlichen Fehlerquelle spricht nicht für die Problemlösungskapazitäten amerikanischer Techniker.

Seit der Deregulierung der US-Stromversorgung in den späten 90er-Jahren wurden die privaten Stromfirmen radikal auf Gewinnmaximierung getrimmt. Der Kampf um Marktanteile entfachte einen knallharten Preiskrieg. Dies führte wiederum zu Finanzproblemen bei den Stromfirmen und verhinderte, dass die Netzbetreiber in ihre eigenen Stromnetze investierten. Diese Kosten konnte und wollte sich niemand mehr leisten, und heute fehlt es an Starkstromleitungen, die die Stromengpässe ausgleichen könnten. Denn in den letzten zehn Jahren wuchs der US-Stromverbrauch um satte 30 Prozent, die Leitungskapazität jedoch nur um 15 Prozent. Auch die Nachrüstung der Leitungen ist für die Stromlieferanten schwer möglich: Kaum werden eine Starkstromleitung oder ein neues Kraftwerk geplant, machen kampferprobte Bürgerinitiativen dagegen mobil. Mit weiteren Stromausfällen kann also gerechnet werden.

Es mag für europäische Ohren beruhigend klingen, dass derartige Stromausfälle auf dem alten Kontinent derzeit nicht möglich sind, wie Experten versprechen. Das Stromverbundsystem, dem ganz Europa angehört, verhindert solche Debakel. Außerdem verbrauchen wir Europäer weniger Energie als die Amerikaner. Aber wir holen täglich ein wenig auf.

(DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.8.2003)

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