"Luftfahrt wieder im Steigflug"

19. August 2003, 15:17
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Der Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber im Gespräch über die Konkurrenz der Billigflieger, die Hochpreispolitik des Wiener Flughafens und das Verhältnis zur AUA

Standard: Herr Mayrhuber, die Lufthansa hat nach großen Verlusten im Vorquartal jetzt wieder einen Gewinn von 65 Millionen Euro gemacht. Sie stellen zwei Flieger wieder in Dienst, die Passagierzahlen steigen wieder. Ist die Krise der Luftfahrt vorbei?

Mayrhuber: Wir haben die Talsohle durchschritten und hoffen jetzt wieder auf einen kontinuierlichen Steigflug. Das Ergebnis des zweiten Quartals, das noch erheblich von der Krise geprägt war, ist das Ergebnis stringenter Kosten-und Kapazitätsmaßnahmen. Wir haben wieder Zulauf, Asien beginnt zu wachsen, Nordamerika entwickelt sich gut. Aber es gilt weiter wachsam zu bleiben, die Märkte richtig einzuschätzen und das Wachstum vorsichtig zu dosieren. Mit Überkapazität ist man sonst relativ schnell wieder in der Verlustzone.

STANDARD: Welche Strategie verfolgt die Lufthansa, um sich gegen den wachsenden Druck der Billigflieger zu behaupten?

Mayrhuber: Netzcarrier wie Lufthansa oder die AUA sind nicht mit den no-frills (Billiganbietern, Anm.) zu vergleichen. Wir finden heute einfach eine größere Segmentierung, vom Executive-Jet-Service, über Netzcarrier, Charter bis zu den no-frills. Das hängt auch mit dem Stellenwert zusammen, den das Fliegen heute für uns bekommen hat. Vor 20 Jahren waren es fast ausschließlich Geschäftsleute, die geflogen sind. Heute fliegen fast alle Berufsgruppen und wir nutzen das Flugzeug auch privat. Durch die Volumenssteigerung gibt es eine viel größere Zielgruppe, die sich je nach Situation entscheidet. Das erfordert auch stärkeres Segmentieren.

Die No-Frill-Carrier haben ein neues Segment eröffnet, das mit dem Netzwerk nur peripher zu tun hat. Als Airline muss man sich fragen, will man als Vollsortimenter alles abdecken, kann man das - oder wo steckt man die Kraft des Unternehmens rein.

Wir haben eine klare Strategie im Hause Lufthansa, die heißt hochqualitativer, globaler Netzwerkcarrier, der vom Executive-Jet-Service, über First über Business bis zur Economy mit Supersaver-Angeboten eine sehr breite Palette abdeckt. Wenn wir Investitionsentscheidungen zu tätigen haben, ob wir in weltweites Netz und Premium oder No Frill investieren, fällt die Entscheidung eindeutig zugunsten des Prämienproduktes und unseres Allianzsystems.

STANDARD:Wien ist einer der teuren Flughäfen Europas, was die Lufthansa wiederholt kritisierte. Können Sie den Wiener Flughafen durch die Alternative München und mit der künftigen EU-Zugehörigkeit Bratislavas unter Druck setzen?

Mayrhuber: Wir alle sehen die Chancen der EU-Osterweiterung und begrüßen sie sehr. Aber ich sehe Bratislava auf absehbare Zeit nicht als Konkurrenz zum Drehkreuz Wien. München und Wien ergänzen sich hervorragend innerhalb des Allianzsystems der Star Alliance. Das sind unterschiedliche Schwerpunkte. Wien muss zu Kostenpositionen kommen, die den Flughafen für künftiges Wachstum attraktiver machen. Es geht darum, in Wien an Preiselastizität zu gewinnen und damit zusätzliches Geschäft anzuziehen. Der Dialog mit dem Flughafen findet derzeit statt.

STANDARD: Beim Eintritt der AUA in die Star Alliance war die Koexistenz zwischen München als Nord-Süd-Achse und Wien als Ost-West-Drehscheibe vereinbart. Inzwischen fühlt sich die AUA jedoch durch die starke Expansion der Lufthansa in München konkurriert.

Mayrhuber: Natürlich lebt man auch in einer Allianz auch in einer Konkurrenzsituation. Aber wenn man die Balance zwischen den Vorteilen der Allianz mit der Konkurrenzsituation vergleicht, schlägt das eindeutig pro Allianz aus. Die Konkurrenzsituation wäre auch da, wenn wir nicht in einer Allianz wären. Angenommen in Wien werden die Preise weiterhin erhöht und München wird produktiver, dann stellt sich die Frage, steige ich aus Graz nach New York in Wien oder München um.

Entscheidend ist, dem Kunden innerhalb eines Allianz-Systems die besten und dichtesten Verbindungen anzubieten, damit er sich für einen Partner der Allianz entscheidet.

Davon profitiert mal der eine, mal der andere Partner. Aber insgesamt wird die gesamte Allianz gestärkt. Wenn Sie den schnellsten Flug von Graz nach Tokio suchen, dann ist der über München. Wenn Sie den schnellsten Flug von Hamburg nach Sydney suchen, ist der über Wien, und nicht über Frankfurt. Wenn Sie den schnellsten Flug von Düsseldorf nach Baku suchen, der geht auch über Wien. Wenn man dem Kunden das beste Produkt bietet, dann entwickelt es sich für die gesamte Allianz.

Es wäre ein Trugschluss zu glauben, Wien würde profitieren, wenn wir München nicht entwickeln. Die Frage ist, was geht uns allen gemeinsam in der Allianz verloren, wenn dann Fluggäste über Amsterdam, Paris oder London fliegen.

STANDARD: Seit Wochen gibt es Gerüchte, dass sich Lufthansa an Swiss beteiligen will. Welche Überlegungen haben Sie?

Mayrhuber: Ich muss Sie enttäuschen, wir kommentieren das nicht.

STANDARD: Wenn die ÖIAG im Zuge der Privatisierung AUA-Anteile verkaufen würde, hätte die Lufthansa Interesse?

Mayrhuber: Auch das ist eine hypothetische Frage und wäre im Bereich der Spekulation. Dazu äußere ich mich grundsätzlich nicht.

STANDARD: Die europäische Airline-Industrie hat große Überkapazitäten. Jede andere Industrie würde durch Fusionen konsolidieren, das ist im Airlinemarkt aufgrund nationalstaatlicher Bedingungen erschwert. Wird eine Konsolidierung primär durch die Pleite von Mitbewerbern passieren?

Mayrhuber: Es wird zu einer Konsolidierung kommen. Brüssel hat eindeutig zu erkennen gegeben, dass es keine Subventionen mehr für unwirtschaftlich operierende Fluggesellschaften gibt, um sie künstlich am Leben zu halten. Der Markt und damit der Kunde wird entscheiden. Und ich glaube an dieses Prinzip. Anders als in der Automobilindustrie erreichen sie aber in der Luftfahrt auch durch Kooperationen und Allianzen weit reichende Synergieeffekte, für den Kunden und auch auf der Kostenseite für die Unternehmen.

Als Österreicher und Europäer bin ich der Meinung, dass die Vielseitigkeit und der Facettenreichtum der Kultur für uns einen hohen Stellenwert haben. Wenn sich in Europa die Märkte konsolidieren und Wettbewerber aus dem Markt treten, dann werden sich die regionalen Nuancen und Besonderheiten trotzdem weiter widerspiegeln. Ein Beispiel ist die Air Dolomiti, die wir in den letzten Monaten übernommen haben. Sie wird nichts von ihrem italienischen Charme verlieren.

STANDARD: Die AUA steht vor einer Streikdrohung. Ist die Lufthansa bereit, auszuhelfen?

Mayrhuber: Wir werden so gut es geht dafür sorgen, dass wir unseren Kunden das, was wir im Ticket versprochen haben, auch liefern. Sicherlich gibt es Kapazitätsmöglichkeiten, aber ich hoffe doch, dass man zu einer Lösung kommt.

STANDARD:Sind Piloten eigentlich generell überbezahlt?

Mayrhuber: Es gibt Marktpreise, und die zahlen wir. Mit Sicherheit muss man wettbewerbsfähige Tarife haben. Wenn sich die Wettbewerbssituation ändert, muss man darauf reagieren - und rund um uns passiert viel.

Ein Interessenausgleich muss gefunden werden, denn nur profitable Arbeitsplätze sind sichere Arbeitsplätze.

Interview von Helmut Spudich durchgeführt
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