Die hohe Kunst des Ausruhens

31. August 2003, 19:14
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Die Wirtschaft könnte Milliarden sparen, wenn die Menschen ausgeruht an ihrem Arbeitsplatz erscheinen würden - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Karoshi" ist ein japanisches Wort, das keineswegs nur ein japanisches Phänomen beschreibt: "Tod durch Überarbeitung". Amtliche Berechnungen ergeben: Die Wirtschaft könnte Milliarden sparen, wenn die Menschen ausgeruht an ihrem Arbeitsplatz erscheinen würden.

Zeit für Ferragosto in Japan? Als Heinz Nixdorf auf der Cebit 1986 mit einem Herzinfarkt zusammenbrach, wusste jeder über Burnout im Management Bescheid. Der Typ des "Workaholic" avancierte trotzdem zum Helden der New Economy: per Handy immer erreichbar, ein Ohr am Börsenkurs und das andere am Markt.

Jenseits der Extremfälle gilt: Immer weniger Menschen müssen immer mehr arbeiten. Über 50 Prozent fühlen sich durch steigende Belastung bei knapperen Zeitbudgets psychischem Stress ausgesetzt.

Die Zeit rast, und wir rasen mit

Der Umsatz an Beruhigungsmitteln und Antidepressiva wächst jährlich um zehn Prozent. Die Zeit rast, und wir rasen mit. In immer kürzeren Abständen müssen immer mehr Veränderungen verarbeitet werden. Die Grenzen der Belastbarkeit sind längst erreicht. Kein Wunder, dass die Umkehrbewegung boomt - Stichwort: "Slow down, pleasure up". In einem "Verein zur Verzögerung der Zeit" kämpfen Akademiker aus ganz Europa gegen die "Chronokratie", die zu einem Verlust an Qualität und Nachhaltigkeit führt - in der Politik, im Leben, in der Wirtschaft. Wie können wir aber konstruktiv mit den Imperativen des "Zeitwettbewerbs" umgehen?

1 Langsamer ist oft besser. Jede Arbeit - und jeder Einzelne - hat ein eigenes Zeitmaß. Schnelligkeit ist gut, wo sie Wert schafft - überall dort, wo es auf Details und Genauigkeit ankommt, ist sie aber ein schlechter Ratgeber.

Ein aktives, das eigene "Tempo" berücksichtigendes Zeitmanagement ist die Basis für Arbeits- und Lebensqualität.

2Pausen sind kreativ und produktiv. Analog zur benediktinischen Abfolge von "Ora et labora" schaffen Pausen einen Rhythmus, der erst den Blick für das Wesentliche und für das Neue schärft. Es gilt deshalb, die Kunst der Pause als Lebenselixier und Leistungspotenzial (wieder) zu entdecken.

3Beschleunigung braucht Stabilität, Veränderung braucht Identität. Das gilt für Menschen wie für Unternehmen. Letztere brauchen den Wechsel zwischen Expansions- und Konsolidierungsphasen, um nachhaltig zu wachsen.

4Auch Warten kann sich lohnen. Der frühestmögliche Zeitpunkt ist nicht automatisch der Beste. Intelligente Nachzügler vermeiden oft die Fehler der Pioniere - siehe Vierradantrieb und Beta-Videorecorder. Denn Schnelligkeit führt nicht zum Ziel - wenn man es vor lauter Geschwindigkeit gar nicht mehr sieht.

Erfolgreich sind jene, die die Klaviatur unterschiedlicher Zeitmuster beherrschen - so wie von Sten Nadolny im Klassiker "Die Entdeckung der Langsamkeit" vorgeschlagen: "An der Spitze müssen zwei Menschen stehen (. . .) Einer von ihnen muss die Geschäfte führen und mit der Ungeduld der Fragen der Regierten Schritt halten. Er muss den Eindruck von Tatkraft erwecken und doch nur das Billige, Unwichtige und Eilige erledigen. Der andere hat Ruhe und Abstand; (. . .) Denn er kümmert sich nicht um das Eilige, sondern schaut Einzelnes lange an. (. . .) Sein eigener Rhythmus, sein gut behüteter langer Atem sind die Zuflucht von aller scheinbaren Dringlichkeit, vor angeblichen Notwendigkeiten ohne Ausweg, vor kurzlebigen Lösungen."

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Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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