Baan-Chefin Coleman zurückgetreten - Aktie stürzt 30 Prozent ab

4. Jänner 2000, 18:25

Personalabbau, Schließung von Niederlassungen - Weiterer Konzernumbau soll mehr als 2,7 Mrd. S kosten

Barneveld - Die Aktien des zweitgrößten europäischen Softwarehauses Baan NV sind am Dienstag um fast ein Drittel gesunken, nachdem Baan-Chefin Mary Coleman ihren Rücktritt erklärt hatte. Coleman war es in ihrer nur sechs Monate dauernden Amtszeit nicht gelungen, den angeschlagenen Softwarehersteller wieder in die Gewinnzone zurückzuführen.

Heute musste ein weiterer Umstrukturierungsplan publiziert werden. Der Konzern hatte am Vormittag neben dem Rücktritt von Firmenchefin Coleman auch die Schließung von 14 Büros und den Abbau von rund vier Prozent der Stellen angekündigt. Aktienhändler sagten, die Pläne seien "schockierend". Für den Konzernumbau sind nach Angaben von Baan Kosten von 200 Mill. Dollar (198 Mill. Euro/2,73 Mrd. S) vorgesehen.

Auch der neuerliche hohe Quartalsverlust verbitterte den Markt. Für das vierte Quartal 1999 erwartet Baan (Barneveld/Niederlande und Herndord/USA) einen Verlust von 250 Mill. Dollar (248 Mill. Euro/3,4 Mrd. S), teilte das Unternehmen am Dienstag in Barneveld mit. Damit hat Baan sechs Quartale in Folge rote Zahlen geschrieben.

Die Baan-Aktien sanken am Dienstag an der Amsterdamer Börse um bis zu 5,34 Euro auf 9,44 Euro. Im vergangenen Jahr hatte das Baan-Papier noch um 62 Prozent zugelegt, da die Börsianer auf eine Sanierung des einstigen Vorzeige-Unternehmens spekulierten.

Die Probleme von Baan hatten 1998 begonnen, als die Baan-Aktie die schlechteste Performance der in Amsterdam notierten Aktien auswies.

"Coleman konnte den Kurs des Schiffs nicht wenden", sagte Branchenbeobachter Jan-Hein Arts von der Bank Insinger der Finanzagentur Bloomberg. "Das beweist, wie schwierig die Lage für Baan noch ist."

Die Führungsaufgaben bei Baan übernimmt vorläufig der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Pierre Everaert. Als Teil der Reorganisation will Baan weitere 4 Prozent seiner Arbeitsplätze abbauen und 14 Niederlassungen schließen.

Baan beschäftigt rund 4.700 Mitarbeiter. Für das vierte Quartal kalkuliert Baan mit Zusatzbelastungen und Abschreibungen von 200 Millionen Dollar. Das niederländische Software-Unternehmen rechnet mit Erlösen zwischen 140 und 150 Mill. Dollar.

Baan gehört zu den führenden Herstellern betriebswirtschaftlicher Standard-Software, mit denen Unternehmen ihre Geschäftsprozesse steuern und die Kundenkontakte verwalten.

Die gesamte Branche, darunter auch das deutsche Softwarehaus SAP AG, hatte in den vergangenen Monaten eine schwierige Phase durchgemacht, da viele Unternehmen wegen der Arbeit am Jahr-2000-Problem ihre weiteren Investitionen deutlich zurückgefahren hatten.

Für das Jahr 2000 erwartet die Branche nach einer Prognose des Marktforschungsinstituts IDC ein Wachstum um 23 Prozent auf 13 Milliarden Dollar. Davon könnte auch Baan profitieren. "Das Problem ist aber, dass sie zur Zeit keine neuen Aufträge bekommen. Und daran wird auch Colemans Weggang nicht viel ändern.", sagte Frits de Vries, Analyst der Theodor Gilissen Bankiers. (APA/dpa/Reuters)

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