Die Blechklapper

15. August 2003, 20:03
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Lettischer "Revisor" zu Gast bei den Salzburger Festspielen

Salzburg - Die Salzburger Festspiele lassen sich beherzt auf die Sphäre der Zumutung ein: Zumindest die Theaterschiene des Young Directors Project bedient sich heuer im Ablagefach historischer Spielrevolten und einer vermeintlich aufregenden, als Blutauffrischung welker Westpraxis verkauften Theaterexotik.

Diese glaubt man in einer bejubelten Arbeit des lettischen Jungstars Alvis Hermanis für den Westen entdeckt zu haben und präsentiert Gogols Revisor, das Vorzeigeprodukt aus Riga, als Abschlussknaller des Wettbewerbs.

Nach dem Vorfeld-Sensationsmarketing entpuppte sich der Dreistünder in Salzburgs "republic" als schlichtes Klamaukkonzentrat. Getrommelt wurde für eine Abrechnung mit der sowjetischen Maschinerie der Verkommenheit. Bis zum Platzen aufgeblasen wurde ein knallbunter Ballon aus Klischees und atmosphärischen Erinnerungssplittern an schmierige Kakerlakenkabinen, muffige Absteigen und öffentliche Klos.

Eigentlich spielen in dieser extrem künstlichen Retro-Fantasie Geräusche und Kostüme die Hauptrolle. Das Klappern der Blechteller, das Plätschern der Kohlsuppe und das Quietschen der Betten über gewaltig ausgestopften Hüften und Busen war das Aufregende dieses Abends - neben einem großartig aufgeplusterten, schneeweißen Gockel und zwei Hennen, die sich vom Theaterwunder des Ostens nicht stören ließen.

Was der Regisseur und Bühnenbildner für tiefe Wirklichkeit hält, ist so penetrant unterhaltsam wie eine tolle Witzzeichnung. Die Bühnen des östlichen Kunstkontinents mögen voll von folkloristischen Drallheiten sein, die im Kontext der westlichen Blutleere atemberaubend frisch wirken. Aber es ist eine Fantastik, die ihre Faszination nur aus dem Transfer zieht.

Diesen Revisor kann der Außenstehende nur als Gemälde wahrnehmen. Der Sprachverwandler schluckt alle wichtigen sinnlichen Aspekte. Wer Wert auf die Geschichte des vermeintlichen gewitzt-korrupten Kontrollbeamten legte, versäumte das Allerwichtigste. Man kichert sich zu Tode über etwas, das ganz anders gemeint ist. "Alles ist ganz präzise und authentisch wie in einem Museum" - schreibt Hermanis. Mitnichten, kann man dazu nur kopfschütteln. (DER STANDARD, Printausgabe vom 16./17.8.2003)

Von
Anton Gugg
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