Wonnen, Grenzen des Selbstverständlichen

15. August 2003, 20:00
posten

Riccardo Muti und die Philharmoniker

Salzburg - Kaum ein Abend, kaum eine Matinee bei den Salzburger Festspielen wird im allgemeinen Einverständnis zwischen Orchester und Dirigenten, zwischen den Ausübenden und der Mehrheit der Lauschenden so problemlos vonstatten gehen wie ein Konzert der Wiener Philharmoniker unter der Leitung eines ihrer Lieblingsdirigenten: Riccardo Muti.

Es scheint in dieser 30 Jahre währenden Zusammenarbeit das Wesentliche ausgesprochen, man kennt sich, schätzt sich, hat sich nichts vorzuwerfen. Und auf der aufführungspraktischen Ebene - man denke an die lange Aufwärmzeit mit Kremer oder Harnoncourt - wird man sich schwer tun, stilistische Gräben zu bezeichnen. Es handelt sich, wenn die Philharmoniker Beethovens Weihe des Hauses (op. 124), eine passable Cherubini-Sinfonie und am schönen Ende Brahms' "Zweite" (op. 73) spielten, um eine wohlerprobte Auffrischung des Wonniglichen, auf der anderen Seite um eine in die Jahre gekommene Beziehungskiste.

Natürlich machen Muti und "seine" Wiener, verantwortungsvolle Musik, wenn es bei Beethoven um ein verhältnismäßig ungeliebtes Stück, bei Cherubini um den wiederholten Versuch einer Ehrenrettung geht. Aber: Es reicht dann doch nicht in den landschaftstrunkenen Pastell- und Ölfarben der D-Dur-Sinfonie von Brahms, das Gegebene für das Gewünschte anzubieten.

Muti und die Philharmoniker sind eine eingespielte Allianz. Doch nichts deutet darauf hin, in dieser Konstellation einmal mehr zu wagen, als es die Gebote des Allergepflegtesten nahe legen. Da feiert bestenfalls die kultivierte Intelligenz des Althergebrachten Jubiläum, als dürfte man Meisterwerken und den Werken eines Werkmeisters nicht zu nahe treten, den Erwartungen nicht entgegenarbeiten.

So erkannte man an diesem Festspielvormittag einmal mehr die Wonnen und Grenzen des Selbstverständlichen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 16./17.8.2003)

Von
Peter Cossé
Share if you care.