Kontroversen um Traiskirchen

22. August 2003, 13:40
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Ermittler bestätigen den STANDARD-Bericht, dass die Schlägerei organisiert war. Der Traiskirchener Bürgermeister will sich unterdessen gegen Ausbaupläne wehren.

Traiskirchen/Wien - Die Massenschlägerei unter Asylwerbern mit einem Toten hat die Kontroversen um den Ort des Geschehens - die Bundesbetreuungsstelle in Traiskirchen - wieder aufleben lassen. "Die Infrastruktur im Lager ist unzureichend. Für die Insassen gibt es kein Café, keinen Treffpunkt. Die Leute liegen unter den Bäumen auf dem Rasen - oder gehen in den Ort. Dort steigt der Unmut", beklagt sich Traiskirchens Bürgermeister Fritz Knotzer (SP). Beim Bundeskriminalamt (BK) bestätigt man unterdessen den STANDARD-Bericht, wonach die Schlägerei im größeren Stil organisiert war.

"Es scheint, dass sowohl die Moldawier als auch die Tschetschenen organisierte Strukturen hatten", erklärt BK-Sprecher Gerald Hesztera auf Anfrage. Eine achtköpfige Sonderkommission soll nun untersuchen, ob diese Strukturen sich nur auf die tödliche Schlägerei beziehen oder sich weiter erstrecken. Hesztera rechnet derzeit mit mehrmonatigen Ermittlungen. Sicher scheint aber, dass sich die Aggressionen zwischen den beiden Gruppen aus der ehemaligen Sowjetunion schon länger aufgeschaukelt haben, ohne dass die Betreuer eingegriffen hätten.

Wie berichtet, fordert der Traiskirchener Bürgermeister Knotzer die Schließung des "Lagers". Nicht zum ersten Mal: Schon 1990, während der Rumänienkrise, hatten Ortsbewohner aus Protest gegen eine "Überbelegung" mit 3000 Lagerinsassen - zum Vergleich: derzeit sind es knapp über 800 - alle Einfahrtstraßen blockiert.

Der damalige Innenminister Franz Löschnak (SPÖ) sicherte daraufhin die Einhaltung einer Höchstzahl von 1000 Asylwerbern in Traiskirchen zu. Die Flüchtlinge sollten verstärkt woanders untergebracht werden: eine Verteilungspolitik, die mangels Bereitschaft in den Ländern bisher nur zum Teil gelang.

Belastete Geschichte

Die Ortsbewohner wiederum stehen dem "Lager" - einem im Jahr 1903 als k. u. k. Kadettenschule erbauten Häuserkomplex - traditionell skeptisch gegenüber. Während der Hitler-Herrschaft war in den Gebäuden eine Schule der Napola (nationalpolitische Erziehungsanstalt) untergebracht. Zwischen 1945 und 1955 wohnten hier dann bis zu 3000 russische Soldaten. Zu Beginn sei es in der Region um Traiskirchen zu "Massenvergewaltigungen" gekommen, erzählt Knotzer.

Zur Flüchtlingseinrichtung wurde das in Besitz der Republik zurückgegangene Areal dann über Nacht - als "Provisorium" während der Ungarnkrise im Jahr 1956. Daran erinnerte man sich in der Folge: während der Krisen in der Tschechoslowakei, in Chile, Uganda, Rumänien, Kroatien, dem Kosovo und so fort. Von Grund auf renoviert wurde das "Lager" in all dieser Zeit nie. Jetzt wiederum wendet sich Knotzer scharf gegen "Ausbaupläne der Gebäude für bis zu 3000 Asylwerber", wie sie die Eigentümerin seit dem Jahr 2001, die Bundesimmobiliengesellschaft (Big) wälze. Doch bei der Big dementiert man jeden Ausbauvorsatz: Über "Instandhaltungsarbeiten zur Erhaltung der Bausubstanz" wie Erneuerung der Sanitäranlagen und der Fenster bis Ende 2003 hinaus sei nichts im Gange oder geplant, versichert Geschäftsführer Christoph Stadlhuber.

Dagegen weist man im Büro von Innenminister Ernst Strasser diesbezüglich auf die laut geplantem neuen Asylgesetz ins Auge gefasste Einrichtung eines Erstaufnahmezentrums in Traiskirchen hin. Im Zuge der beschleunigten Asylverfahren würden Flüchtlinge dort "nur wenige Tage" bleiben und dann in Quartiere in den Ländern wechseln - wenn es deren ausreichend gibt. (Irene Brickner/Michael Möseneder/DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.8.2003)

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    Im Jahr 1903 wurde das heutige Flüchtlingslager in Traiskirchen erbaut - und seit damals nie mehr richtig saniert wurde, wie die Fassade deutlich zeigt.

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