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15. August 2003, 19:57
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Das Team Harnoncourt/ Kusej reüssiert bei Wiederaufnahme von Mozarts "Don Giovanni"

 Wiederaufnahme von Mozarts "Don Giovanni" bei den Salzburger Festspielen im Großen Festspielhaus: Das Team Harnoncourt/ Kusej reüssiert mit Subjektivität.


Salzburg - Die Eiseskälte, welche die weiße Bühne ausstrahlt, sie ist irgendwie auch jene Raum gewordene Innenwelt des Helden. Er ist ein galanter, kalter Seelenspieler, der um die Affekt erzeugenden Effekte, um die richtigen Worte und Gesten weiß. Und in seinen Opfern jene ambivalente Haltung erzeugt, die sie zwischen Begehren und Moral schwanken lässt. Ein Unfassbarer, Flüchtiger, dem Regisseur Martin Kusej dämonische Eleganz verleiht, im Grunde jedoch keine Seele.

Der Tod, in diesem Endspiel dauerpräsent, er vermenschlicht allerdings. Wenn Giovanni mit gnadenloser Eleganz den Komtur tötet, ist er noch jener kühle Vollstrecker. Doch schon sitzt er neben dem Verblutenden und blickt kindlich erstaunt ins Unendliche, ist ganz Menschenkind.

Das war letztes Jahr so, das ist auch heuer so. Doch der Prozess der Humanisierung ist etwas vorangeschritten. Wenn er in die Enge getrieben wird, dann flieht Giovanni nicht mit gewohnter Leichtigkeit. Kein Herr der Lage. Eher ein kollabierendes Monster, das in Ohnmacht fällt. Und wieder muss der Diener ran. Aktion Wiederbelebung.

Die ist neu bei dieser Wiederaufnahme des Vorjahrserfolgs der Salzburger Festspiele, man sieht, hier wurde weitergearbeitet - auch die Beziehung Leporello/Don Giovani hat eine gewisse Präzisierung erfahren. Eindringlicher deshalb der Schluss: Wenn Leporello seinem torkelnden Herrn den Dolch hineinrammt, ist das kein Mord; es ist unmissverständlich ein Akt des Mitleids, ein Gnadendolchstoß, eine Erlösung.

Alle, die übrig bleiben, müssen mit dem Erlebten und sich selbst fertig werden. Kusej hat sie aufeinander losgelassen, ihre Brutalität und ihre Wankelmütigkeit bloßgelegt. Detailvoll hat er neben dieser Sci-Fi-Gruselgeschichte Beziehungsabgründe aufgespürt. Nichts ist harmlos, alles führt zu Verwundungen.

Melanie Diener schreitet fassungslos-verträumt durch die Galerie von Giovannis Eroberungen. Eine verletzte Seele, diese Donna Elvira. Durch sie gehen Raserei und Zerrüttung. Diener verleiht der Figur dramatische Kraft, setzt Seelenzustände vokal wunderbar um - nur zum Schluss hin mit etwas nachlassender Kraft. Anna Netrebko ist eine mädchenhaft zerrissene Donna Anna. Ihre im Vorjahr überraschenden vokalen Möglichkeiten, die Lyrik und die Klangfülle der exponierten Stellen bezirzen auch heuer. Neu ist Christoph Strehl als Don Ottavio - mit klarer und tragfähiger Stimme. Neu auch Isabel Bayrakdarian als Zerlina, die mitunter etwas allzu angestrengt tönt.

Melancholische Wolke

Profund Ildebrando D'Arcangelo als Leporello, Kurt Moll als Komtur und Luca Pisaroni als Masetto. Sie alle schweben delikat auf jener poetisch-melancholischen Orchesterwolke, die Nikolaus Harnoncourt mit den Philharmonikern erzeugt. Extrem ist sein Zugang nach wie vor. Er treibt Thomas Hampson nach wie vor in der Champagner-Arie an die Grenzen des gerade noch Singbaren.

Auf der anderen Seite kostet er die sanften Momente voll aus, erzeugt poetische Leichtigkeit ohne Ende. Dramatisches Aufbäumen ist selten. Aber es wirkt dann umso mehr. Wenn man sich diesen Don Giovanni und jenen, der gerade an der Staatsoper zu sehen war, vergleichend vergegenwärtigt, kann man die direktoralen Wiener Konkurrenzsorgen bezüglich einer möglichen Salzburger Japantournee nachvollziehen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 16./17.8.2003)

Von
Ljubisa Tosic
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    Meditation über die Erlösungs-bedürftigkeit eines vermeintlichen Wüstlings: Thomas Hampson (Giovanni), gehalten von Ildebrando d'Arcangelo (Leporello) - hinter ihm der Reiz einer nur mehr uniformen Sinnenwelt.

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