Heilige Brüder, Freaks, Mädchen und kein Frieden

16. August 2003, 10:00
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14 Jahre und eine Welt liegen zwischen zwei Romanen zum Thema Überleben in den USA

Das Jahr ist 1956, der Ort Lake Wobegon irgendwo in den Wäldern von Minnesota. Garrison Keillors Ich-Erzähler und Alter Ego Gary, 14, lebt in einer Familie, die der Glaubensgemeinschaft der Heiligen Brüder angehört und von der er zu Pornolektüre und Sehnsucht nach einer entfernten Cousine und nach einem glanzvollen Leben in der Großstadt entflieht. An dieser Grundkonstellation ändert sich nicht viel. Der Horizont ist durch calvinistische bzw. noch strengere Religiosität abgesteckt, durch Vertrauen in Eisenhower und Abscheu vor einem jungen Südstaatler namens Elvis Presley, den jemand im Fernsehen gesehen haben will - aber nicht Garys Familie, denn die besitzt so etwas Profanes nicht. So ginge das Leben in Das letzte Heimspiel (im Original: Lake Wobegon Summer 1956) seinen prädestinierten Gang, würden nicht die ersten Vorboten von Abweichung und Dissidenz ein wenig Unruhe stiften: ein paar Kleinkriminelle, eine Rockband, der junge Ricky, der mit Freundin in den goldenen Westen abhauen will, was natürlich misslingt.

Garrison Keillor ist auch im deutschsprachigen Raum, nach mehr als einem halben Dutzend Veröffentlichungen, kein Unbekannter mehr. In den Staaten ist er ein Star, bekannt vor allem durch seine wöchentliche Radioshow. Ihr Kernstück ist ein langer Monolog eben über Lake Wobegon, den von ihm halb erfundenen Ort seiner Kindheit (in Wien im Kabelradio, NPR, FM 107,8, Sonntag 12-14 Uhr).

Keillor ist ein melancholischer Humorist, einer, bei dem man schon lacht, wenn er nur "Lutheraner" sagt. Oder schreibt. Denn die an sich deprimierenden Fifties-Zustände werden aus der Perspektive des Heranwachsenden mit gesundem Verstand, also subversiv geschildert. Das Schöne und Aktuelle an den selbstreflexiven Passagen des Buches ist, dass es Verständnis für die religiösen Wurzeln Amerikas zeigt, zugleich aber die hoffnungslosen Verirrungen ihrer selbstsicheren Vertreter bloßstellt - und das noch dazu mit sichtlichem Vergnügen.

Es ist auch ein Buch über das Schreiben als Sublimation. Auf diese Weise kann sich Gary, der sich als Versager, als "Baumkröte" sieht, eine neue Identität schaffen. Er versucht sich als Sportreporter - da kommt es zu Längen vor allem für Leser, die sich für Baseball nicht so sehr interessieren - oder als Satiriker in Sachen Lehrerporträts. Flüchtling Ricky hingegen hinterlässt seinen Verfolgern ein Gedicht mit rührenden Zeilen: Doch bald wird es schreckliche Nachricht geben/Denn dann sind wir beide nicht mehr am Leben/Drum merkt euch, das Leid, das ihr andren zufügt/Fällt irgendwann auf euch selber zurück. Hier, in prä-dylaneskem Pathos, klingt bereits an, was eine halbe Generation später voll ausbrechen wird. Das ist eine andere Geschichte. Sie folgt gleich.

* * *

Das Jahr ist 1970, der Ort eine Kommune namens Drop City im Russian River Valley nördlich von San Francisco. "A cat" - auf Deutsch: ein Freak - hat eine Farm geerbt und eine einfache Regel aufgestellt: LADJEAH - Land, Auf Das Jeder Ein Anrecht Hat, eine Maxime, die gerne gehört wird. So kommen alle angereist, die nichts zu verlieren haben außer ihre Mittelschichtfamilie, mit der Aussicht auf "dope" und "chicks" - auf Deutsch etwas abgeschwächt: Mädchen - und führen das kalifornische Versprechen damit langsam ad absurdum.

Schnitt zum hohen Norden von Alaska, wo der Einsiedler Cecil Harder ein scheinbar völlig konträres Leben führt: im ständigen Kampf gegen die Natur, als bewusstes Raubein.Das allerdings soll sich ändern, er findet eine Frau, die die Einsamkeit einer Hütte mit ihm teilen will.

Diese beiden Szenarien lässt T. C. Boyle eine Zeit lang nebeneinander herlaufen. In seinem neuen Buch Drop City hat der amerikanische Autor ein neues Betätigungsfeld für sein Lieblingsthema gefunden: wie Menschen unter widrigsten Umständen überleben, wie die Umwelt sie fast fertig macht - und umgekehrt.

Das war schon in Ein Freund der Erde und in Grün ist die Hoffnung sein Anliegen - der eine Roman ein Zukunftshorrorszenario, der andere eine Marihuanaposse und beide ebenfalls in Kalifornien angesiedelt. Boyle, ein Meister der Bilder und Metaphern, weidet die sprachlichen Möglichkeiten, die die Hippiedämmerung an der Westküste bietet, genüsslich aus. Er lässt seine Figuren in sexuellen und Rassenspannungen, Vegetarianismus, geodätischen Domen, LSD-Trips, VW- und Schulbussen herumirren. (Assoziationen zu Tom Wolfes Reportage Electric Kool-Aid Acid Test, zu Ken Kesey und seinen Merry Pranksters sind unvermeidlich und werden aktiv nahe gelegt: Da heißt eine Kommune, dort ein Bus "Further", Day-Glo-Orange strahlt in beiden Büchern usw.) Auch in den Alaska-Kapiteln machen Boyles Figuren unbeirrt weiter, wenn auch unter anderem Vorzeichen: Chaplin kommt in den Sinn (und im Buch vor), der in der Not seinen Schuh verspeist.

Klar, dass die beiden Erzählstränge zueinander finden. Die Kommune bricht ihre kalifornischen Zelte ab, zieht nach Norden und wird ausgerechnet Harders Nachbar. Aus dem wechselseitigen Unverständnis schlägt der Erzähler zusätzliches Kapital, lässt aber auch geradezu rührende Entwicklungen zu. Nach einem tödlichen Showdown endet das Buch mit einer Heimkehr des Einsiedlers zur wachsenden Kleinfamilie.

Boyle ist ruhiger geworden, vielleicht auch bescheidener. Statt aufwändiger Erzählmontagen bietet er eine relativ geradlinige Geschichte. Und er verzichtet auf eine längere - und tiefere - Entwicklung der Charaktere zugunsten von Tableaus.

Die allerdings schillern wie eh und je. Und auch das versöhnliche Ende will man dem Autor nicht abnehmen, als ob er uns schon zu lange mit seiner Skepsis gewarnt hätte: Die Ruhe trügt, es gibt keinen Frieden, auch und schon gar nicht jenseits des Polarkreises, der nächste Winter kommt bestimmt, die Probleme in Drop City North sind keineswegs gelöst. Auf zum nächsten Buch. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.8.2003)

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    T. C. Boyle:
    Drop City
    Aus dem Amerikanischen von Werner Richter. € 25,60/528 Seiten, Hanser, München Wien 2003.

    Im Herbst wird Boyle sein neues Buch in Deutschland vorstellen. Von Österreich aus nächstgelegener Termin: am 16. Oktober, 20.30, Moffathalle München.

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    Garrison Keillor:
    Das letzte Heimspiel
    Aus dem Amerikanischen von Angelika Kaps. € 20,50/326 Seiten, Zsolnay, Wien 2003; erscheint am 30. August.

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